Pflege

Auch ohne Virus ein harter Job

Viele Beschäftigte verharren trotz aller Veränderungsversuche der Politik an der Belastungsgrenze. Wenigstens in der Bezahlung tut sich etwas – auch wenn der Tarifvertrag geplatzt ist.

07.04.2021

Von HAJO ZENKER

Corona-konformer Gruß zwischen Altenpflegerin und Bewohnerin. Foto: Frank Molter/dpa

Berlin. Dass in der Pflege vieles im Argen liegt, war auch vor Corona klar. Die Pandemie jedoch hat sich, wie es Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ausdrückt, als „Problembeschleuniger“ erwiesen. Und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) betont, schon vor dem Virus sei Pflege „ein harter Job“ gewesen, nun aber müssten sich die Beschäftigten noch zusätzlich besonders stark um die Gesundheit kümmern – der zu Pflegenden genauso wie der eigenen.

Wie das konkret aussieht, konnten TV-Zuschauer vergangene Woche erleben, als ProSieben auf Betreiben der Entertainer Joko und Klaas sieben Stunden lang eine Schicht der Krankenpflegerin Meike Ista an der Uniklinik Münster dokumentierte, um auf den Pflegenotstand aufmerksam zu machen. Dabei hatten Spahn, Heil und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bereits im Sommer 2018 die Konzertierte Aktion Pflege gestartet, die für mehr Geld und mehr Stellen sorgen sollte.

Zumindest beim Einkommen hat sich tatsächlich etwas getan. Jens Spahn unterstreicht, dass die Löhne in der Pflege in der Bundesrepublik noch nie so stark gestiegen seien. Das Institut der deutschen Wirtschaft betont, dass Fachkräfte in der Altenpflege zwischen 2015 und 2019 auf ein Einkommensplus von 18,6 Prozent und Helfer auf einen Anstieg von 17,5 Prozent kamen. Und dabei bleibt es nicht. Eine eigens gegründete Pflegekommission einigte sich darauf, den Mindestlohn für Pflegehilfskräfte schrittweise bis April 2022 auf 12,55 Euro pro Stunde zu steigern. Laut Gesundheitsministerium sind das dann 2175 Euro Bruttomonatsgehalt. Vom 1. Juli dieses Jahres an wird es dann erstmals einen Mindestlohn für Pflegefachkräfte von 15 Euro geben, was 2600 Euro brutto bedeutet. Ab dem 1. April 2022 gibt es 15,40 Euro, 2669 Euro im Monat.

Für Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, machen die Steigerungen die Jobs attraktiv. Während es in der Krankenpflege nur einen leichten Anstieg der Beschäftigten gab, spricht Meurer von 100 000 zusätzlichen Beschäftigungsverhältnissen in fünf Jahren allein in der Altenpflege: „Das gab es in keiner anderen Branche.“ Das Statistische Bundesamt gibt an, dass die Zahl von 2015 bis 2019 um 87 000 auf 601 000 gestiegen sei.

Doch diese Entwicklung könnte ins Stocken geraten sein. Das jedenfalls legen bisher noch unveröffentlichte Zahlen nah, die die Pflegeexpertin der Linksfraktion, Pia Zimmermann, bei der Bundesanstalt für Arbeit erfragt hat und die dieser Zeitung vorliegen. Demnach nahm die Zahl der Beschäftigten in der Altenpflege von Dezember 2019 bis August 2020 insgesamt um 2651 ab. Das passt zu einer Umfrage des Berufsverbandes für Pflegeberufe, nach der ein Drittel der Befragten erwägt, aus dem Job auszusteigen – wegen Überlastung, des Lohnniveaus oder ungenügender Corona-Schutzmaßnahmen.

Für Pia Zimmermann müssen die Entgelte deshalb weiter steigen. „Nur so können zusätzliche Beschäftigte gewonnen und die vorhandenen gehalten werden.“ Zudem müsse die Pflege generell solide finanziert werden. „Beide Baustellen hinterlässt die Groko als Ruine.“ Auch für Sylvia Bühler vom Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi, hat sich „im beruflichen Alltag bisher nichts verbessert. Im Gegenteil, die Auswirkungen der Pandemie bringen viele professionell Pflegende in den Krankenhäusern, in der Altenpflege und in der ambulanten Pflege an den Rand des Zumutbaren“. Das dringend benötigte Personal „gewinnt und hält man nur durch bessere Arbeitsbedingungen und insbesondere in der Altenpflege durch bessere Bezahlung“. Verdi hatte gehofft, dass ein mit der neuen Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche vereinbarter Tarifvertrag von Minister Heil auf die gesamte Branche ausgedehnt wird, der ab 2023 18,75 Euro je Stunde vorsah. Die etablierten Arbeitgeberverbände hatten einen Tarifvertrag mit Verdi ausgeschlossen. Doch der neue Verband fand kaum Unterstützung. Die Ablehnung durch die kirchlichen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie gab dem Tarifvertrag den Rest. Für Heil ein „bitterer Rückschlag“, Pflegekräfte hätten mehr verdient als Mindestlöhne. Er will die Pflegekommission anrufen, um für mehr Geld zu sorgen.

Damit kann Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbandes Pflege, gut leben. Die Kommission sei „ein gutes Instrument, das jedes Mal funktioniert hat“. Im Übrigen hätten bereits mehr als drei Viertel aller Fachkräfte einen Bruttomonatsverdienst von mehr als 3000 Euro. Generell findet Greiner, dass die Konzertierte Aktion Pflege viel Gutes angestoßen habe. „Man muss dem nur etwas Zeit geben.“

Foto: Grafik Reichelt / Quelle: Ärztezeitung

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Erstellt:
7. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. April 2021, 06:00 Uhr

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