Hochschule für Gestaltung

Ausstellungsfieber im Archiv

Die Volkswagenstiftung fördert mit fast einer halben Million Euro ein Forschungsprojekt. Wie sichtbar ist die HfG?

08.05.2021

Von Jürgen Kanold

Otl Aichter als Pappkamerad in der Ausstellung „Ausstellungsfieber“ des HfG-Archivs. 1954 zeigte das Ulmer Museum die Wanderausstellung „Gutes Spielzeug“, Aicher entwarf dafür ein mühelos zu transportierendes Baukastensystem aus Ständen (im Hintergrund ein Originalfoto). Foto: Jürgen Kanold

Herzlich willkommen im Ausstellungsfieber“, grüßt Kuratorin Viktoria Lea Heinrich. Das könnte auch Sarkasmus sein in diesen Lockdown-Zeiten. Aber „HfG Ulm: Ausstellungsfieber“ heißt tatsächlich, plakativ zugespitzt, eine Ausstellung darüber, wie die Hochschule für Gestaltung zwischen 1953 und 1968 ausstellte, wie sie sich weltweit darstellte, wie ihre Akteure aber auch für Auftraggeber wie Braun Ausstellungs-Systeme entwarfen.

Es gab jetzt nur eine digitale Eröffnung, und vorerst bleibt's bei Online-Angeboten. Aber es geht sowieso um viel mehr, als im HfG-Archiv aktuell Objekte, Schaukästen und Textbildtafeln vor Publikum zu versammeln: In den vergangenen vier Jahren förderte die Volkswagenstiftung mit fast einer halben Million Euro das Forschungsprojekt „Gestaltung ausstellen. Die Sichtbarkeit der HfG Ulm“, das gemeinsam getragen wird von der Essener Folkwang Universität der Künste, der Hochschule Pforzheim und dem Ulmer HfG-Archiv. Zwei Dissertationen, eine umfassende Publikation und eine Website werden noch folgen.

Man kann auch sagen: Es gibt für die nachgeborenen Interessierten immer neu aus dem Archiv erforschte Belege, dass die vor mehr als 50 Jahren beendete HfG weit mehr ist als nur ein Ulmer Mythos. Sie war eine der einflussreichsten Gestaltungshochschulen des 20. Jahrhunderts.

So lohnt etwa der Blick auf die Weltausstellung 1967 in Montreal. Rund 50 Millionen Gäste strömten nach Kanada, um die technischen Errungenschaften ihrer Zeit zu erleben: „Produkte aus industrieller Fertigung fluteten den Alltag.“ Und „eine Berufsgruppe, die es so zuvor nicht gegeben hatte, ermöglichte diesen Wandel: die Designer*innen“, heißt es im Erklärtext. Die HfG war Teil dieser Entwicklung, sie war auch im Deutschen Pavillon der Expo 67 prominent vertreten.

Die Displays im deutschen Pavillon der Expo 1967 wurden als „Ulmer Eier“ bezeichnet. Foto: Hfg-Archiv Nachlass Ohl

Die Bundesrepublik präsentierte sich unter einem hängenden Zeltdach – diese spektakuläre Architektur hatten Frei Otto und Rolf Gutbrod entworfen. Hans Gugelot (eine der großen HfG-Persönlichkeiten) hatte im Wettbewerb einen Skelettbau nach streng geometrischem Raster eingereicht und verloren, aber auch Frei Otto hatte zeitweise an der HfG unterrichtet und die Studierenden an seinen Experimenten teilhaben lassen. Die Zelt-Konstruktion verweist spannend auf den Münchner Olympiapark – für die Olympischen Spiele 1972 gestaltete dann auch HfG-Mitbegründer Otl Aicher das modern farbenfrohe Erscheinungsbild.

Zurück nach Montreal. Für eine Ausstellung im Zeltpavillon hatte die HfG den Auftrag erhalten, den bundesdeutschen Alltag darzustellen. Die Dozenten Herbert Ohl und Herbert W. Kapitzki erarbeiteten kugelförmige Displays für Diaprojektionen – die Presse sprach nicht wirklich schmeichelhaft von „Ulmer Eiern“. Die HfG gehörte aber auch zu den 18 Designschulen, die sich in einem vom Council of Societies of Industrial Design (ICSID) organisierten Pavillon präsentierten: mit 15 Ausstellungstafeln. Im Mittelpunkt stand das „Ulmer Modell“, das Lehrkonzept der HfG, angewandt auf das Thema Verkehr: von der Aufgabenstellung bis zum fertigen Produkt. Über 1,2 Millionen Besucher zog dieser Pavillon an.

Pappkamerad Otl Aicher

Mit Ausstellungen rechtfertigte und inszenierte die HfG ihr Wirken – weltweit von Rio de Janeiro bis Amsterdam, aber auch in der eigenen Mensa oder im Kornhaus. Otl Aicher konstatierte 1960 zudem, dass sich die Ausstellungsgestaltung an sich in einer „akuten Krise“ befinde angesichts funktional unzureichender Stände. Er sorgte für Abhilfe, schon 1954 hatte er für die Wanderausstellung „Gutes Spielzeug“ ein Baukastensystem entwickelt: einen mühelos zusammenklappbaren und transportablen Stand.

Als Pappkamerad liegt Aicher nun auf einem solchen Stand in der Ausstellung – es ist das Zitat eines Fotos, das den so posierenden Gestalter 1960 auf der Frankfurter Frühjahrsmesse zeigt. Der echte Aicher wiederum würde vermutlich empört emporschnellen, sähe er das vom Kemptener Studio Erika diametral zum HfG-Standard gefertigte Plakat fürs „Ausstellungsfieber“: versale Schrifttypen, grelles Gelb, wimmelnd gezeichnete Objekte. Eine neue Generation schaut sich die Vergangenheit an.

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Erstellt:
8. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Mai 2021, 06:00 Uhr

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