Großbritannien

Das britische Corona-Rätsel

Trotz Aufhebung fast aller Auflagen sinkt die Zahl der Neuinfektionen. Fachleute hatten das Gegenteil erwartet.

28.07.2021

Von JOCHEN WITTMANN

Leeds: Menschen feiern am 19. Juli den „Tag der Freiheit“. Experten hatten danach mit vermehrten Corona-Neuinfektionen gerechnet. Foto: Ioannis Alexopoulos/PA/dpa

London. Die Experten sind perplex. Die Infektionszahlen in Großbritannien fallen auf einmal, anstatt zu steigen. Vor kurzem hatte man noch eine Verschärfung des Infektionsgeschehens für unausweichlich gehalten, doch jetzt deutet sich an, dass die aktuelle Corona-Welle in Großbritannien ihren Scheitelpunkt erreicht haben könnte. Sechs Tage in Folge ist die Zahl der an Covid-19 Erkrankten zurückgegangen. Am Montag wurden 24 950 Neuansteckungen gemeldet, eine Woche vorher waren es noch 39 950 gewesen.

Gesundheitsminister Sajid Javid hatte Mitte Juli davor gewarnt, dass die Zahl der gemeldeten täglichen Neuinfektionen von damals 50 000 auf 100 000 klettern würde. Der Epidemiologe Professor Neil Ferguson vom Londoner Imperial College hatte sogar bis zu 200 000 Fälle bis zum August prognostiziert.

Erst am 19. Juli hatte England seinen „Tag der Freiheit“ zelebriert, an dem so gut wie alle gesetzlichen Beschränkungen des öffentlichen Lebens wegfielen. Weltweit wurde dieser enorme Öffnungsschritt trotz damals steigender Infektionszahlen als ein riskantes Experiment bewertet.

Umso verblüffter sind jetzt Fachleute wie Politiker. „Es ist sehr überraschend, dass die Infektionszahlen so rapide fallen“, sagte Professor Sir Mark Walport vom Wissenschaftlergremium SAGE, das die Regierung berät. „Es ist eine bessere Nachricht als die Alternative, aber jeder kratzt sich jetzt den Kopf, was die Erklärung sein könnte.“

Fest steht lediglich, dass die in Großbritannien dominante und hochinfektiöse Delta-Variante des Coronavirus sich nicht wie erwartet weiter ausgebreitet hat. Als mögliche Erklärung des Rückgangs wird der Beginn der Schulferien gesehen. Die Erwachsenen in Großbritannien sind gut geschützt – 88 Prozent haben eine erste Impfung, knapp über 70 Prozent eine vollständige Immunisierung erhalten. Daher verbreitet sich die Pandemie hauptsächlich unter Jüngeren. Als die Schulen für die Sommerferien ihre Pforten schlossen, schlossen sich auch zahlreiche Infektionswege. Eine andere Erklärung liefert das Ende der Fußball-Europameisterschaft. Zwischen dem ersten Sieg Englands im Spiel gegen Kroatien bei der EM am 13. Juni und dem letzten Spiel gegen Italien am 11. Juli verzeichnete man eine „Mini-Corona-Welle“ und das hauptsächlich unter Männern. Mit der Final-Niederlage haben jedoch Verbrüderungen, gemeinsame Schlachtgesänge und Fernseh-Treffen in Innenräumen aufgehört. Das gute Wetter spielt zusätzlich eine Rolle, indem es soziale Kontakte nach draußen verlagert hat.

Zudem ist nicht zu vergessen, dass nicht alle Corona-Vorsichtsmaßnahmen mit dem „Tag der Freiheit“ passé sind. Beschäftigte müssen sich zum Beispiel wegen Corona-Kontakten selbst isolieren, was auch erfolgt und entsprechende Auswirkungen hat. In London blieben am vergangenen Wochenende etwa zwei U-Bahn-Linien geschlossen, weil mehr als 300 Mitarbeiter als Kontaktpersonen identifiziert wurden und sich deshalb in häusliche Quarantäne begeben mussten, auch wenn sie doppelt geimpft waren.

Das englische Experiment soll aus Sicht von Premier Boris Johnson belegen, dass eine Eindämmung von Corona allein durch Impfschutz statt durch gesellschaftliche Restriktionen möglich ist. Allerdings wäre es noch zu früh, davon zu reden, dass es gut ausgegangen ist. Dafür liegt der „Tag der Freiheit“ noch nicht lange genug zurück.

Die Folgen des Öffnungsschrittes zeigen sich in den Zahlen womöglich erst später. Es kann durchaus noch, meinen Epidemiologen, zu einem Anstieg kommen. „Es gibt immer noch mindestens acht Millionen Erwachsene“, warnte Professor Mark Woolhouse von der Universität von Edinburgh, „die weder geimpft noch genesen sind. Das ist reichlich Material für das Virus.“ Jochen Wittmann

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Erstellt:
28. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2021, 06:00 Uhr

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