Porsche · Halbleitermangel

Uwe-Karsten Städter: „Das fühlt sich nach Häuserkampf an“

Der weltweite Halbleitermangel macht auch vor dem Sportwagenbauer nicht halt. Beschaffungsvorstand Uwe-Karsten Städter stemmt sich erfolgreich dagegen.

08.05.2021

Von Thomas Veitinger

Der Taycan Turbo ist ein Erfolg. Er zeigt, dass es keinen Verbrennungsmotor für einen Porsche braucht. Foto: Porsche

Gab es für den Chef-Einkäufer von Porsche Uwe-Karsten Städter auch mal entspannte Zeiten? Wohl nicht. Derzeit ist die Lage besonders anspruchsvoll. Auf seinen privaten Einkaufsbummel schlägt es aber nicht durch.

Weltweit fehlen Halbleiter. Auch bei Porsche?

Uwe-Karsten Städter: Es sind viele Branchen betroffen, auch die Automobilindustrie. Wir arbeiten daran, die Auswirkungen zu minimieren. Die Fertigung unserer Fahrzeuge haben wir so optimiert und gesteuert, dass es bislang nur geringe Auswirkungen auf unsere Produktion gab. Wir sind gut durchgekommen.

Es drohen keine Unterbrechungen?

Momentan sehen wir keine. Manchmal fühlt es sich aber ein bisschen an wie Häuserkampf: Wir kämpfen buchstäblich um jeden Meter, bewerten die Lage täglich neu. Aktuell gehe ich davon aus, dass die Chip-Versorgung in den kommenden Monaten weltweit angespannt bleiben wird.

Sind andere Produkte betroffen?

Ja. Sie können sich das wie Dominospielen vorstellen. Kunststoffe werden knapp, auch Stahl, Kautschuk und Aluminium. Rohstoffe, die viele Branchen brauchen. Gleichzeitig steigen die Preise.

Sie wollen einen Lagerbestand aufbauen.

Um unsere Flexibilität zu erhöhen. Es geht um Bestände, die uns einen Puffer von zwei Wochen verschaffen. Die Entscheidung hatten wir zum Glück schon vorher getroffen, um uns auf den Brexit vorzubereiten. Das hilft uns jetzt. Bei den Just-in-time-Teilen, die vom Lieferanten direkt ans Band geliefert werden, bleibt es herausfordernd.

Hätte man nicht früher Vorsorge treffen können?

Unsere Lieferketten sind global und komplex. Nicht alle Eventualitäten sind vorhersehbar. Ich blicke aber nach vorne. Aus jedem Problem kann man lernen, auch aus der Halbleiterknappheit. In der Zukunft werden wir unsere Teileversorgung noch intensiver absichern, das Risikomanagement weiter verstärken.

Es kommt künstliche Intelligenz zum Einsatz, um Sublieferanten zu kontrollieren.

Seit letztem Jahr setzen wir künstliche Intelligenz ein. Das ist eine Art Frühwarnsystem. Es hilft uns, kritische Rohstoffregionen besser zu analysieren. So haben wir die Möglichkeit, von weltweiten Nachhaltigkeitsvergehen zu erfahren und schnell darauf zu reagieren.

Corona schwächt Zulieferer. Unterstützen Sie diese?

Ja, das tun wir. Einige Zulieferer sind momentan in Schwierigkeiten. Wir helfen Unternehmen, mit denen wir gut zusammenarbeiten. Etwa mit Projekten, Investitionen und veränderten Zahlungszielen. Wir lassen langjährige Partner nicht im Regen stehen.

Sie befürchten keine Ausfälle?

Nein.

Warum setzt Porsche auf synthetische Kraftstoffe?

Weil das grüne Benzin innovativ und klimaschonend ist. Die nahezu CO2-neutralen eFuels ergänzen unsere Elektromobilität sinnvoll. Zum Beispiel für den 911, der auch aus baulichen Gründen ein Verbrenner bleiben wird. Unsere Kunden können dann mit synthetischem Kraftstoff fahren, der aus regenerativen Energien stammt. Insgesamt werden bis zum Jahr 2030 mehr als 80 Prozent unserer Fahrzeuge mit einem Elektroantrieb fahren – vollelektrisch oder als Hybrid.

Wasserstoff-Antrieb verfolgen Sie gar nicht?

Wasserstoff macht bei anderen Fahrzeugkonzepten sehr viel mehr Sinn als bei Sportwagen. Wir verfolgen aber, wie sich diese Technologie entwickelt.

Wann wird es den ersten 911er mit Elektromotor geben?

Wir denken hier an eine sehr sportliche Hybridisierung, wie man sie aus dem Motorsport kennt. Aber das wird noch etwas dauern.

Sie bauen eine Batteriezellenproduktion in Tübingen.

Wir führen gerade Gespräche mit mehreren Unternehmen. Grundsätzlich ist die Forschung und Fertigung von hochleistungsfähigen Batteriezellen für uns sehr interessant. Deshalb verfolgen wir hier konkrete Schritte. An der Standortfrage arbeiten wir.

50 Prozent des Gewinns des VW-Konzerns kommt allein von Porsche. Ist da Stolz oder Ärger dabei, so viel Geld nach Wolfsburg zu überweisen?

Wir sind stolz auf das, was wir leisten – und bleiben zugleich bodenständig. In einer großen Familie hält man zusammen. Wir haben auch viele Vorteile durch unsere Arbeit im VW Konzern, etwa durch Preisvorteile in der Beschaffung oder gemeinsame Projekte in Forschung und Entwicklung.

Porsche hat ein Programm aufgelegt, das auch Geld sparen soll. Schafft das nicht Spannungen, wenn gleichzeitig Geld an VW fließt?

Es geht nicht ums bloße Sparen. Deshalb nennen wir es auch Ergebnisprogramm. Wir wollen stets besser werden, suchen neue Geschäftsmodelle im ganzen Unternehmen – und kreative Ideen, Dinge effizienter zu machen.

Würde ein Börsengang nicht Geld bringen?

Davon gehen viele Analysten aus. Die Entscheidung zum Vorgehen liegt beim Volkswagen-Konzern als Eigentümer. Man muss schauen, was zu welcher Zeit Sinn macht. In der Zwischenzeit dürfte aber noch viel Wasser den Neckar hinunterfließen.

Rechnen Sie letztlich damit?

Darüber entscheiden die Gremien der Volkswagen AG.

Sie können als Beschaffungsvorstand für mehr als 9 Milliarden Euro einkaufen. Verändert das Ihr privates Einkaufverhalten?

Eigentlich nicht (lacht). Ich verhandle nicht bis zum Äußersten und kaufe mir auch keinen Käse, der schon abgelaufen ist. Im Gegenteil: Ich kaufe ganz normal ein. Man muss bodenständig sein und bleiben. Das ist mir auch im Geschäftlichen wichtig: Nur so kann man einen großen Bereich wie die Beschaffung leiten und Mitarbeiter motivieren, jeden Tag mit Herzblut ihr Bestes zu geben.

Sie wechseln im August in den Vorruhestand. Barbara Frenkel wird Ihre Nachfolgerin. Es ist die erste Frau im Porsche-Vorstand. Hätte sie auch Porsche-Chefin werden können?

Mir ist nicht bekannt, dass Oliver Blume amtsmüde wäre (lacht). Im Ernst: Bei uns übernehmen aber auch immer mehr Frauen wichtige Führungspositionen. Da ist es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis eine der Marken im VW-Konzern einen weiblichen Chef bekommt.

Im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte: Wie schwierig ist Ihre Arbeit geworden?

Sie ist umfangreicher und intensiver geworden. Mit der Digitalisierung und Transformation hin zur Elektromobilität hat die Geschwindigkeit zugenommen. Die zunehmende Vernetzung führt zu mehr Komplexität: In der Lieferkette muss man beispielsweise bis in die letzte Ecke hineinschauen, etwa beim Abbau der Rohstoffe.

Was verändert Ihr Vorruhestand?

Ich werde nicht mehr um 6 Uhr früh aufstehen. Leider habe ich nicht viele Hobbys, fast keine. Ich will mich vielleicht sozial beschäftigen, vielleicht auch beratend bei Unternehmen. Freunde in der Kölner Gegend wollen mich unbedingt zum Wandern verführen. Ich werde mit meiner Frau ab und an nach Spanien gehen und in die Sonne schauen.

Geboren in Wolfsburg

Uwe-Karsten Städter. Foto: Porsche

Wer in Wolfsburg geboren wird, arbeitet bei...? Genau: VW. So klischeehaft das klingt, der heutige Vorstand für Beschaffung bei Porsche Uwe-Karsten Städter ließ sich von 1974 an bei Volkswagen zum Industriekaufmann ausbilden. Nach einer Weiterbildung zum Industriefachwirt wurde er 1983 Einkäufer Aggregate-, Metall- und Elektrikbeschaffung bei VW. Nach einem Abstecher zu Seat wechselte der heute 64-Jährige wieder nach Wolfsburg und leitete die Konzernbeschaffung Elektrik/Elektronik. Seit dem Jahr 2011 ist Städter Vorstandsmitglied bei Porsche.

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Erstellt:
8. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Mai 2021, 06:00 Uhr

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