Schwimmen

Den Bann gebrochen

Bronze über 1500 Meter: Sarah Köhler holt die erste deutsche Medaille im Becken seit 13 Jahren. Nun will auch ihr Verlobter Florian Wellbrock auftrumpfen.

29.07.2021

Von DPA/EB

Sarah Köhler hat alles gegeben und es am Ende auch „dem inneren Schweinehund“ gezeigt. Foto: Michael Kappeler

Am ganzen Körper zitterte Sarah Köhler und weinte vor Freude. Mit Bronze um den Hals fiel die riesige sportliche Last der vergangenen Jahre in inniger Umarmung mit dem Bundestrainer von ihr ab. „Wir haben es geschafft!“ Mehr brauchte Köhler nicht zu sagen. Mit ihrem formidablen Auftritt über 1500 Meter Freistil gewann die 27-Jährige am Mittwoch die erste Olympia-Medaille der deutschen Beckenschwimmer seit Doppel-Gold von Britta Steffen vor 13 Jahren. „Das ist auf jeden Fall etwas Besonderes – gerade weil es Britta war und wir uns so nahestehen und uns so gut verstehen“, sagte sie.

Ratgeberin und Freundin Steffen fieberte vor dem Fernseher mit. „Ich bin stolz wie eine ältere Schwester“, sagte die 37-Jährige. „Sie hat das fantastisch gemeistert. Ich bin sehr glücklich, dass sie endlich den Bann vom Team genommen hat.“ Auch Bundestrainer Bernd Berkhahn war merklich bewegt. „Das ist schon ein toller Moment“, sagte er. „Begeisternd!“

In klarer deutscher Rekordzeit musste sich die Verlobte von Florian Wellbrock nur Katie Ledecky und Erica Sullivan aus den USA geschlagen geben. „Ich wollte unbedingt diese Medaille und habe versucht, den Schmerz zu ignorieren“, sagte Köhler und sprach vom „Rennen meines Lebens“.

Tief gerührt warf sie Kusshände zu den Teamkollegen auf der Tribüne, wo die 15:42,91 Minuten lautstark und mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bejubelt wurden. „Ab 900 etwa tat es richtig weh, irgendwann ist es ein Kampf gegen den inneren Schweinehund“, sagte Köhler. Die ersehnte Medaille, mit der sich Köhler einen „Kindheitstraum“ erfüllte, bewies endgültig, dass sich die Veränderungen der vergangenen Jahre gelohnt haben. Köhler wechselte im Sommer 2018 von Frankfurt/Main in die starke Trainingsgruppe Berkhahns nach Magdeburg. Dort machte die Athletensprecherin noch einmal einen deutlichen Leistungssprung.

Der Vize-Weltmeisterschaft über 1500 Meter Freistil und dem Titel mit der Freiwasserstaffel im Sommer 2019 folgte ein Kurzbahn-Weltrekord über 1500 Meter Freistil im Winter. Als Olympia 2020 wegen der Corona-Pandemie verschoben wurde, verlegte die meinungsstarke Jura-Studentin auch ihr Staatsexamen um ein Jahr nach hinten.

Am Tag vor dem Auftritt Wellbrocks über 800 Meter Freistil war Köhlers Performance schlicht herausragend. Ihre nationale Bestmarke verbesserte sie um rund sechs Sekunden. Dass Wellbrock angesichts der Konzentration auf die eigenen großen Ziele nicht zum Anfeuern auf der Tribüne saß, störte sie nicht. „Wir haben uns noch kurz gesehen, nachdem ich mit dem Einschwimmen fertig war und das war‘s auch“, sagte Köhler in den Katakomben des Tokyo Aquatics Centres. „Wir sind hier bei Olympia. Es geht hier um die Medaillen. Darum, die beste Leistung abzuliefern und nicht hier irgendwie rumzukuscheln.“

Auch im Athletendorf wohnt das Paar nicht zusammen. „Für uns ist das kein Thema“, sagte Köhler. „Wir können zu Hause wieder in einem Bett schlafen.“ Wellbrock startet als Weltmeister im 1500-Meter-Rennen und im Freiwasser und gilt als Goldkandidat. Ähnlich wie Köhler tritt auch er in Tokio konzentriert und selbstbewusst auf. Die Medaille sei „super und wichtig“, sagte Freiwasser-Rekordweltmeister Thomas Lurz nach Köhlers Coup. „Ich denke, es kommen noch ein paar dazu.“ Lurz hatte 2012 in London Silber über zehn Kilometer geholt: die letzte deutsche Schwimmermedaille überhaupt.

Nur wenig später gab es in der Halle gleich nebenan erneut Grund zum Jubeln, als Fahnenträger Patrick Hausding zusammen mit Lars Rüdiger (siehe Info-Box) ebenfalls Bronze im Synchronspringen gewann. dpa/eb

Bronze mit dem letzten Sprung: Routinier Patrick Hausding (links) und Lars Rüdiger. Foto: Michael Kappeler

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Erstellt:
29. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Juli 2021, 06:00 Uhr

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