Pop

Die Gruppe ist die Botschaft

Nach sieben Jahren Pause beendet die Band Ja, Panik die Stille: Ihr Album „Die Gruppe“ ist ein dunkles Werk – aber die Hoffnung blitzt immer wieder durch.

06.05.2021

Von MARCUS GOLLING

Die Band Ja, Panik aus Berlin, von links Andreas Spechtl (Gesang, Gitarre), Stefan Pabst (Bass), Laura Landergott (Gitarre, Keyboards) und Sebastian Janata (Schlagzeug). Foto: Max Zerrahn

Berlin. Andreas Spechtl nennt es ein offenes Ende. „Es hätte keinen gewundert, wenn es nie wieder etwas gegeben hätte.“ Sieben Jahre ist es her, dass seine Band Ja, Panik ihr Album „Libertatia“ veröffentlichte, fünf Jahre, dass die Berliner aus dem Burgenland mit der kollektiv verfassten Bandbiografie „Futur II“ auch schriftlich einen Schlusspunkt setzten: unter die Geschichte einer Indie-Rockband, die immer etwas unter dem Radar flog, weil ihr kompromissloser Ernst, ihr Festhalten an sperrigen Themen, ihre eigenwillige Kunstsprache es den Hörern nie einfach machten. Doch der Schlusspunkt war nur ein Semikolon, gerade ist ihr sechstes Album „Die Gruppe“ erschienen.

Keine gute Zeit für ein Comeback, aber Sänger Spechtl sitzt beim Video-Interview gut gelaunt in seiner Wohnung. „Die Band Ja, Panik ist nur ein Teil der Gruppe Ja, Panik“, erklärt er und damit auch gleich den Albumtitel. „Es gab in den vergangenen Jahren wahrscheinlich keine Woche, in der wir uns nicht gesehen haben.“ Trotz Bandpause. Die WG ist allerdings Geschichte, inzwischen gibt es klar verteilte Aufgaben. „Wir sind jetzt wie ein kleiner Staat aufgestellt, mit lauter kleinen Ministerien. Früher hat man alles beim Müsli in der Früh besprochen – jetzt haben wir Meetings auf Zoom. Aber es ist effektiver, trotz allem.“

Was man von der Arbeit an „Die Gruppe“ allerdings nicht behaupten kann. „Nach sieben Jahren macht man wieder eine Platte – und am ersten Tag der Albumaufnahme im Burgenland war offiziell Lockdown in Österreich.“ Statt wie geplant drei Wochen dauerte der Prozess fast ein halbes Jahr. Dafür kümmerten sich die Mitglieder um fast alles selbst, Aufnahme, Abmischung, grafische Gestaltung. Dazu sei die Band auch offener geworden, „wir verstehen uns als ein System, um das Menschen satellitenmäßig herumschwirren“. Dazu gehören derzeit die Saxofonistin Rabea Erradi, aber beispielsweise auch Christian Treppo, bis 2021 Keyboarder der Band, der im Chor mitsingt und vielleicht auch wieder mit auf Tour geht. „Wir sind eine Hippie-Familie geworden“, sagt der Frontmann und lacht.

Den aktuellen Songs hört man das eher nicht an. Den Grundton des Albums setzt zurückhaltender Erwachsenen-Pop in der Tradition der späten Talk Talk, geheimnisvoll umjazzt von Erradis Saxofon, Musik aus einer Zwischenwelt, einnehmend, aber doch distanziert, zwischendurch öffnet euphorischer Rock die emotionalen Ventile. Auf jeden Fall ganz anders als der Vorgänger „Libertatia“, der die Utopie einer Gesellschaft der Freunde ausmalte. „Die Gruppe“ sei die dunkle Schwesterplatte, findet Spechtl. „Auch die Dystopie ist eine Welt, die man sich baut. Das steckt noch drin, doch die Welt ist weniger bewohnbar geworden.“

Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, herrlich kryptisch abgekürzt „DMD KIU LIDT“, hieß das vierte Album von Ja, Panik, heute würde es Spechtl etwas weiter fassen: als das Gefühl, „dass man in einer Welt wohnt, die nicht für einen gemacht ist, die gegen einen arbeitet“. Das könne Angst verursachen, Depression, Traurigkeit. „Doctor hilf mir / damit ich wieder rausgehen kann / doctor please / ach doctor bitte / I wanna see the sun“, singt Spechtl in „The Cure“. Die Sprachmelange zeichnet Spechtls Texte seit der Gründung der Band im Jahr 2005 aus. „Die englischen Sachen fallen mir auf Englisch ein, die deutschen auf Deutsch“, erklärt der Sänger. Jede Sprache habe ihre eigene Poesie und ihre eigene Melodie. Doch die Sprachverwirrung lässt auch inhaltliche Kongruenzen entstehen, etwa in „1998“, der von Spechtls ersten Online-Erfahrungen handelt, als „country boy“.

Er ist Zivilisationskritiker, kein Nihilist. „Ich glaube an die emanzipatorische Kraft des Internets“, sagt er. Es habe „etwas Tröstendes, dass ich in Berlin sitzen und mit meinen Freunden in Mexiko reden kann“. Davon singt er im melancholisch-verträumten „On Livestream“. Das Jahr 2020, da ist er sich sicher, wäre ohne das Internet noch viel tragischer und tödlicher geworden. Jetzt gelte es durchzuhalten, für den Herbst ist eine Tour gebucht, die Gruppe muss raus, sich mit den Fans vereinen. Spechtl: „Das wäre wirklich dystopisch, wenn man aus der Krise rausgeht und sagt: Ich mag euch gar nicht mehr treffen.“

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Erstellt:
6. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Mai 2021, 06:00 Uhr

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