Roman

Die Liebe in den Zeiten der Pocken

Steffen Kopetzky verarbeitet in „Monschau“ die historischen und emotionalen Wirrnisse der 60er-Jahre.

04.05.2021

Von ERIK LIM

: Monschau. Rowohlt Berlin, 352 Seiten, 22 Euro. Foto: Steffen Kopetzky

Ulm. Vera Rither, Nikolaos „Nikos“ Spyridakis, Professor Stüttgen, Richard Seuss, Grünwald – das sind die maßgeblichen Personen in Steffen Kopetzkys Erzählfeuerwerk mit dem Titel „Monschau“. In eben jenem heute knapp 12 000 Einwohner zählenden Städtchen in der Eifel, nahe Aachen und Belgien gelegen, brachen im Jahr 1962 die Pocken aus.

Der Düsseldorfer Dermatologe Stüttgen und sein junger, von der Insel Kreta stammender Assistent fahren in das Krisengebiet, um mit den Verantwortlichen vor Ort die Lage und das weitere Vorgehen zu beraten. Der erste Fall wurde in den Rither-Werken verzeichnet, einem international agierenden Stahlkonzern und größtem Arbeitgeber der Region. Deren Direktor, der Bayer Richard Seuss, versucht ebenso wie die örtlichen Politiker, die Sache geräuschlos zu behandeln, schließlich stehen Aufträge, Arbeitsplätze, der Ruf der Region auf dem Spiel. Doch die Mediziner machen den Ernst der Lage deutlich, Nikos wird auf dem Fabrikgelände in eine Gästewohnung einquartiert, um fortan jeden Tag systematisch in alle Haushalte zu gehen, um dort, angetan mit einer monströsen Stahlarbeitermontur, die ihn vor Infektion schützt, die Menschen zu untersuchen.

Die junge Erbin Vera Rither, die in Paris Journalismus studiert, ist in ihre Heimat zurückgekommen, um einen zur damaligen Zeit erstaunlichen Plan voranzutreiben: Mit juristischer Hilfe möchte sie sich von der Bürde, die die Firma für sie darstellt, befreien. Außerdem plant sie, die Rolle der Fabrik im Zweiten Weltkrieg aufarbeiten zu lassen. Verständlich, dass Seuss, den Vera als Kind „Onkel“ nannte, mit diesen Ideen nichts anfangen kann und sie polternd und unwirsch kommentiert.

Reporter der „Quick“

Ein etwas zwielichtig wirkender Journalist der damals auflagenstarken „Quick“, Grünwald nennt er sich, hat eigentlich eine andere Geschichte als die Epidemie im Sinn, umgarnt die junge Frau, macht ihr das Angebot, ihr in Sachen Journalismus behilflich zu sein, und bringt sie auf den Gedanken, sich – heute würde man sagen als Undercover-Reporterin – ins Krankenhaus einzuschleusen. Eine gefährliche Aktion. Doch bevor es dazu kommt, lernen sie und Nikos sich näher kennen, er hört jeden Abend den Jazz von Miles Davis, John Coltrane und Ornette Coleman, den sie aus Paris mitgebracht hat, in der Wohnung unter sich.

Überhaupt ist die Kultur ein wichtiger Bestandteil in Kopetzkys beinahe makellosem und vielschichtigem Roman. So zitiert Nikos immer wieder den zu jener Zeit sehr bekannten Lyriker Giorgos Seferis, Vera bezieht sich auf de Beauvoir und Sartre und ganz zum Ende des Buches taucht sogar Joseph Beuys auf.

Steffen Kopetzky, der zu Rechechezwecken für seinen 2019 erschienenen hochgelobten Roman „Propaganda“, in dem es unter anderem um die Schlacht im Hürtgenwald 1944/1945 geht, in der Eifel war, stieß dort auch auf das Thema der Pocken in Monschau.

Unglaublich, dass er damit einen Stoff hatte, der sich nach mittlerweile fast 14 Corona-Monaten liest, als wollte er eine historische Parallele zur Gegenwart finden. „Monschau“ ist ein spannender, kluger, mit vielen interessanten Themen gespickter Roman, intelligente Unterhaltung, die man sich auch sehr gut als seriösen Film oder als Serie vorstellen kann. Erik Lim

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Erstellt:
4. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Mai 2021, 06:00 Uhr

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