DDR-Geschichte

Ein geistiges Tagebuch der Deutschen

Der Liedermacher Wolf Biermann übergibt sein Archiv an die Berliner Staatsbibliothek.

14.07.2021

Von Christina Tilmann

Berlin. Die Hefte von 1954 bis 1976 haben die Wende in Brodowin überdauert, vergraben unter einem Holzstapel, in einem Suppenkübel der NVA, gut gesichert mit Gummidichtung und Schraubverschluss. Wolf Biermann hatte sie seinem Freund Reimar Gilsenbach mitgegeben, als er im Frühherbst 1976 befürchtete, die Stasi könnte sie in die Hände bekommen – und schildert nun filmreif, wie der Freund sich nachts um eins durch einen Nebeneingang des Hauses Chausseestraße 131 schlich, die schweren Tagebücher in zwei Koffern verstaut.

Die Tagebücher sind ein Teil des Vorlasses, den der Liedermacher nun der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden übergeben hat. Das umfassende Material wurde am Dienstag während einer Feierstunde in Berlin offiziell in den Bestand aufgenommen. Die Staatsbibliothek hatte das private und berufliche Archiv sowie die persönlichen Tagebücher des 84-Jährigen mithilfe des Bundes sowie der Kulturstiftung der Länder erworben. Der Liedermacher selbst meint dazu nur: „Diese ganze Archiv-Geschichte wäre nicht passiert, wenn es nach mir gegangen wäre“ und bedankt sich bei seiner Frau Pamela, die seit 1983 alles aufgehoben habe.

100 Seiten allein umfasse die Liste der Materialien, erzählt Biermann: darin 24 Alben und mehr als 40 Publikationen von Gedichten, Übersetzungen, Nachdichtungen, Essays, Noten und Hörbüchern. Das Archiv kam in rund 100 großen Kisten nach Berlin: Manuskripte, Noten, Korrespondenzen, Fotosammlung, Tonarchiv, Filmarchiv, Plakatsammlung, Kritiken oder zeithistorische Dokumente der Linken in Ost und West. Enthalten ist auch der Nachlass der Eltern Biermanns, ein Kassiber des Vaters aus dem Gefängnis aus dem Winter 1941, und ein Passfoto mit seiner Mutter Emma von 1953, kurz bevor Biermann nach Gadebusch in die DDR wechselte.

Acht Jahrzehnte Geschichte

Seit seinem 17. Lebensjahr hat Wolf Biermann Tagebuch geschrieben, in mehr als 200 Heften entstand eine Chronik, die die Forschung beschäftigen wird. In einer Vitrine ist nun eine Auswahl zu sehen, sorgfältig durchnummert, große und kleine Hefte, marmorierte Einbände oder schlichte Notizbücher. „Man schreibt eigentlich immer das gleiche Volumen. Ist die Seite kleiner, wird die Schrift auch immer kleiner“, erklärt er dazu.

„Ein geistiges Tagebuch der Deutschen“, nennt Stiftungspräsident Hermann Parzinger das Konvolut: „acht Jahrzehnte Geschichte“. Was das bedeutet, wird in einer anderen Vitrine deutlich: Eingeklebt in ein Tagebuch ist ein Artikel von Klaus Höpcke aus dem „Neuen Deutschland“ vom 5. Dezember 1965, daneben notiert Biermann: „Na also. Jetzt beginnt die öffentliche Auseinandersetzung“ – und orakelt: „Die nächsten drei Jahre werde ich bestimmt auf keine DDR-Bühne singen und, da ich ihr unverschämtes Republikfluchtangebot nicht annehme, auch nicht woanders“.

Es sollte noch elf Jahre dauern, dann, nach dem Konzert in Köln, bürgerte die DDR 1976 ihren bekanntesten Liedermacher schließlich aus. Wie sehr dieses Ereignis Biermann bis heute beschäftigt, wird in der Liedauswahl deutlich, die er zur Archivübergabe trifft: die „Ballade vom Preußischen Ikarus“, mit ironischem Seitenblick auf das Logo der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hat er zum ersten Mal beim Konzert damals in Köln gesungen.

Von der noch kritischeren Ballade „das macht mich populär“ hatte Robert Havemann abgeraten – jede Strophe sei drei Jahre Bautzen wert gewesen, so Biermann, und malt sich genüsslich aus, wie der Song damals im Politbüro gehört worden sei.

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Erstellt:
14. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2021, 06:00 Uhr

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