Olympiasiege

Erstes Gold gleich im Doppelpack

Vier deutsche Athletinnen stehen in Tokio ganz oben auf dem Podium: Wenige Stunden nach Slalom-Kanutin Ricarda Funk zeigen die Dressurreiterinnen ihre Ausnahmestellung und gewinnen souverän.

28.07.2021

Von DPA/EB

Überglücklich nach dem gemeinsamen Dressur-Erfolg: Dorothee Schneider, Jessica von Bredow-Werndl und Isabell Werth (von links). Foto: Stefan Lafrentz/Imago

Tokio. Vierter Wettkampftag, erste Goldmedaillen für Team Deutschland bei den Sommerspielen in Tokio: Noch bevor die hoch favorisierten Dressurreiterinnen am Dienstag ins Geschehen eingriffen und ebenfalls triumphierten, hatte Ricarda Funk im Kanu-Slalom zugeschlagen und den ersten deutschen Olympiasieg 2021 perfekt gemacht.

Und im größten Moment ihrer Karriere, im Augenblick des puren Glücks dachte sie nicht zuerst an sich. Sondern an die, denen es aktuell so schlecht geht. Die Katastrophe im Ahrtal, ihrer Heimat, die vom Hochwasser getroffen wurde, ihr früherer Trainer Stefan Henze, der in Rio an den Folgen eines tragischen Autounfalls verstorben war – all das bewegte die 29-Jährige an einem emotionalen Tag. „Ich schicke ganz viel Liebe nach Hause. Gemeinsam schaffen wir das“, lautete die Botschaft. Bei all den Bildern habe sie „einige Male Tränen vergossen“, sagte sie.

Ricarda Funk wurde in Bad Neuenahr-Ahrweiler geboren, ihre Eltern leben noch immer in Bad Breisig, einer kleinen Kurstadt direkt am Rhein, und sie helfen bei den Aufräumarbeiten. Im benachbarten Sinzig lernte Funk das Paddeln, dort, auf der nun zerstörten Strecke, habe alles angefangen, sagte sie mit der Goldmedaille um den Hals. „Mein Traum hat sich erfüllt. Aber es tut im Herzen weh, die Heimat so zu sehen.“ Ihre Familie, ausgestattet mit „Rici“-Fanshirts, meldete sich nach dem grandiosen Finale per Videoschalte bei Funks Besuch im ARD-Studio. „Wenn man im Katastrophengebiet ist, denkt man sich schon, welchen Wert hat jetzt noch eine solche Medaille“, sagte Vater Thorsten: „Aber in diesem ganzen Schutt und Dreck glänzt dieses Gold dann schon wie so ein paar Sonnenstrahlen.“

Sehr stark wühlten Ricarda Funk auch die Gedanken an jenen Tag vor fünf Jahren in Rio auf, an dem der damalige Kanu-Bundestrainer Henze nach dem Verkehrsunfall seinen schweren Kopfverletzungen erlag. Funk war damals nicht dabei, als ihr Wegbegleiter im Alter von 35 Jahren verstarb. Sie hatte die Quali verpasst. Es dauerte nun einen Moment, und es brauchte ein tiefes Durchatmen, um zurückzublicken, um den früheren Trainer und Förderer zu würdigen. Die Tränen flossen bei Funk, die Stimme stockte. Henze sei „ganz tief im Herzen, er ist überall mitgefahren, auf meiner ganzen Reise, bei jedem Wettkampf und in jedem Training“, er gebe ihr „immer noch Tipps“, sagte Funk schluchzend.

Ricarda Funk bewies viel Feingefühl nach dem besten Wettkampf ihres Lebens. Mit vollem Risiko und einem wilden Ritt hatte sie vor Rio-Siegerin Maialen Chourraut (Spanien) und ihrer Dauerrivalin Jessica Fox (Australien) im Kajak-Einer gewonnen. „Es war eine Mischung aus technischen Möglichkeiten und Nervenstärke. Großes Lob an Ricarda“, sagte DKV-Präsident Thomas Konietzko, der nach Bronze für Sideris Tasiadis (Augsburg) über die zweite Medaille jubeln durfte. „Ich hoffe, das gibt dem gesamten Team Deutschland Auftrieb und Mut.“

Wenige Stunden später war das zweite Gold gewonnen. Die Dressur-Equipe feierte den insgesamt 14. Olympia-Sieg in dieser Disziplin. Und an diesem Mittwoch winkt im Einzel weiteres Edelmetall. Isabell Werth strahlte bereits, ehe das Ergebnis offiziell war. Die 52 Jahre alte Rekordreiterin aus Rheinberg triumphierte zusammen mit Dorothee Schneider (Framersheim) und Jessica von Bredow-Werndl (Tuntenhausen) überlegen und holte bereits ihre siebte goldene Olympia-Medaille. Silber ging ans US-Trio vor Großbritannien. „Wir sind ein Super-Team“, schwärmte Schneider und lobte zudem: „Super-Pferde, Super-Reiter!“ Die ebenfalls 52 Jahre alte Start-Reiterin, die wegen eines Sturzes Olympia beinahe verpasst hätte, zeigte nach einem kleinen Fehler in der Qualifikation im Grand Prix Special einen starken Auftritt. Mit Showtime gelang ihr ein fast fehlerfreier Ritt und die Führung für ihr Team.

Ein noch besseres Ergebnis gelang Werth mit ihrer Stute Bella Rose. „Ich bin total happy über Bella, sie hat eine fantastische Leistung gezeigt“, kommentierte die erfolgreichste Reiterin der Welt. Schneider und Werth konnten später zuschauen, wie von Bredow-Werndl als dritte Reiterin den Sieg perfekt machte. Die 35-Jährige aus Tuntenhausen/Oberbayern behielt die Nerven. Sicher lenkte die letzte Starterin des Felds ihre Stute durchs Viereck und ließ nicht nur die Kolleginnen strahlen. dpa/eb

Emotionale Momente: Ricarda Funk vom KSV Bad Kreuznach bei der Siegerehrung in Tokio. Foto: Jan Woitas

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Erstellt:
28. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2021, 06:00 Uhr

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