Medienkonsum

Fernseher schlägt Handy - wenn Kinder Medien konsumieren

Schon Zwei- bis Zwölfjährige nutzen einer Studie zufolge täglich stundenlang elektronische Geräte. Ärzte und Psychologen warnen vor den Folgen und fordern „bildschirmfrei bis drei“. Von Thomas Strünkelnberg,

29.11.2022

Von dpa

Schritt für Schritt: Kinder sollten behutsam an die digtale Welt herangeführt werden.

Schritt für Schritt: Kinder sollten behutsam an die digtale Welt herangeführt werden.

Hannover. Ach, hätte ich doch ein Handy. Diesen Stoßseufzer vieler Kinder, die miterleben, dass Erwachsene ihr Smartphone kaum mehr aus der Hand legen, dürften die meisten Eltern kennen. Wenn gerade kleinere Kinder das erträumte Gerät tatsächlich in den Händen halten, sind sie oft kaum noch ansprechbar. Umso erstaunlicher ist es, dass für gerade die Kleinsten einer neuen Untersuchung zufolge noch immer der Fernseher das absolute Lieblingsmedium ist.

Für 85 Prozent der Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren ist das Fernsehgerät das bevorzugte Medium – vor Tablet (63 Prozent) und Smartphone (59 Prozent), wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännischen Krankenkasse ergab. Nur die Gruppe der Zehn- bis Zwölfjährigen nutzt demnach das Smartphone (90 Prozent) etwas häufiger als den Fernseher (86 Prozent). Befragt wurden 1001 Eltern mit zwei- bis zwölfjährigen Kindern.

Mit Abstand folgen in der Rangliste die Spielekonsole (40 Prozent) sowie Computer, Laptop oder Notebook (30 Prozent). 25 Prozent der Eltern gehen davon aus, dass ihr Kind ein bis zwei Stunden am Tag auf einen Bildschirm schaut, 27 Prozent schätzen diese Zeit auf 30 bis 60 Minuten. 14 Prozent der Mütter und Väter gaben an, dass ihr Kind täglich auf zwei bis drei Stunden komme, 4 Prozent gehen von bis zu fünf Stunden aus. Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt es demnach kaum. Gerade einmal zwölf Prozent der befragten Eltern von Zwei- bis Vierjährigen gaben an, dass ihr Kind noch keines dieser Geräte nutze.

Unter den Zehn- bis Zwölfjährigen nutzen 59 Prozent digitale Medien bis zu zwei Stunden am Tag, 30 Prozent eher zwei bis drei Stunden, 10 Prozent sogar drei bis fünf Stunden. 88 Prozent der Fünf- bis Neunjährigen sehen bis zu zwei Stunden auf einen Bildschirm, 9 Prozent zwei bis drei Stunden. Unter den zwei- bis vierjährigen Kindern kommen 84 Prozent auf bis zu zwei Stunden. Allerdings sehen 48 Prozent der Kleinsten nur bis zu 30 Minuten auf einen Bildschirm.

„Eltern setzen ganz bewusst Regeln ein, um die Zeit ihrer Kinder vor dem Bildschirm einzuschränken – auch, damit sie einen abwechslungsreichen Alltag haben“, sagt die KKH-Psychologin Franziska Klemm.

Tanja Brunnert, Vize-Bundessprecherin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte rät: „Bildschirmfrei bis drei“. Bei Kindern unter drei Jahren sei es empfehlenswert, auf „Bildschirmkontakte völlig zu verzichten“. Auch Klemm sagt, digitale Medien hätten bis zum Ende des zweiten Lebensjahres keinen wirklichen Nutzen.

„Um einschätzen zu können, ob Länge oder Inhalt der Medienzeit für ein Kind zu viel sind, sollten Eltern ihren Nachwuchs beobachten. Reagiert das Kind mit Gereiztheit, Unkonzentriertheit oder vermehrtem Bewegungsdrang, sind dies Anzeichen dafür, dass die Medienzeit gegebenenfalls angepasst werden sollte“, sagt Klemm. Kinder müssten Schritt für Schritt an die digitale Welt herangeführt werden: „Das ist vergleichbar damit, Kindern ein sicheres Verhalten im Straßenverkehr beizubringen.“

„Übermäßige, unkontrollierte Mediennutzung und der Kontakt zu nicht-kindgerechten Inhalten können sich negativ auf die Gesundheit von Kindern auswirken“, warnt Klemm. Brunnert spricht von möglichen Störungen der sprachlichen Entwicklung sowie beim Schlafverhalten und der Konzentrationsfähigkeit. Auf Dauer drohten sogar Suchtprobleme: „Es sind Parallelwelten, die da entstehen.“ Nach einer Umfrage des Deutschen Kinderschmerzzentrums von 2019 werden zudem chronische Kopfschmerzen durch Medienkonsum begünstigt.

Eltern sollten Dauer und Inhalte der Mediennutzung reglementieren und kontrollieren, fordert Brunnert. „Die Power muss man als Eltern haben“. So gehöre ein Fernseher nicht ins Kinderzimmer, und am Esstisch sollten auch die Eltern kein Handy benutzen. Erschütternd nannte sie ihre Beobachtung beim Impfen von Säuglingen, wenn etwa Eltern das weinende Kind mithilfe des Handys trösten wollten. Allerdings seien viele Eltern auch vorbildlich. Und was ist davon zu halten, Bildschirmzeit einfach ganz zu verbieten? Brunnert meint, es gehe an der Lebensrealität vorbei, digitale Medien zum Tabu und „Mist“ zu erklären.

Warnung vor

negativen Erfahrungen

In der Corona-Pandemie stieg die Medienzeit von Kindern angesichts geschlossener Kitas und Schulen. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der befragten Eltern fürchtet deshalb negative Erfahrungen für ihre Kinder. Das können nicht-altersgerechte oder gefährliche Inhalte sein, aber auch Cyber-Mobbing. 43 Prozent der befragten Eltern sorgten sich auch wegen möglicher negativer Folgen für die Gesundheit ihres Kindes. 34 Prozent sahen die Gefahr, dass Familie, Freunde und Hobbys wegen des Medienkonsums zu kurz kommen könnten.

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Erstellt:
29.11.2022, 06:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 12sec
zuletzt aktualisiert: 29.11.2022, 06:00 Uhr

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