Tübingen · Politthriller

Für die Augen der Welt

Das Drama „Der Mauretanier – (K)eine Frage der Gerechtigkeit“ um den Guantánamo-Häftling Mohamedou Slahi läuft heute Abend an.

17.06.2021

Von Dorothee Hermann

Der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim) bekommt nach drei Jahren Haft ohne Kontakt nach außen erstmals Besuch von einer Anwältin (Jodie Foster als Nancy Hollander). Bild: Tobis

Wie ein bizarrer Ausflug beginnt der neue Auftrag von Anwältin Nancy Hollander (Jodie Foster). Sie geht dem Hinweis eines Kollegen nach und sucht
einen Mann, der als verschwunden gilt und in Guantánamo inhaftiert sein soll. Die Kamera nähert sich dem abgeschotteten US-Haftlager auf Kuba von außen. Im Bus vom Flughafen gibt ein Militär in Tarnkleidung strenge Verhaltensanweisungen, als wäre er ein Touristenführer der paranoiden Sorte. Einlass geht nur mit Codewort. Stahltüren fallen lärmend ins Schloss.

Im ersten Moment bleiben Insasse (Tahar Rahim als Mohamedou Ould Slahi) und Besucherin füreinander im Dunkeln. In der düsteren Zelle ist sein Kopf im Schatten, das Licht fällt auf die aneinandergeketteten Fußknöchel. In der geöffneten Zellentür lässt das Gegenlicht die Gestalt der Anwältin und ihrer jungen Kollegin schwarz erscheinen. Keiner der drei weiß, was sie erwartet.

Von draußen soll Marineoffizier Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) die Anklage gegen Slahi vor einem Militärgericht vorbereiten. Der Mauretanier gilt als einer der Hauptorganisatoren der Terroranschläge vom 11. September 2001. Doch Anwältin wie Ankläger stoßen auf immer neue Ungereimtheiten und Hindernisse – in Militär, Justiz, Geheimdiensten und Regierung.

Parallel ist der Gefangene immer brutaleren Formen der Folter ausgesetzt. Die zuckenden Bilder sind teilweise schwer auszuhalten. Die klaustrophobische Enge der fensterlosen Zelle veranschaulicht der durch breite schwarze Bänder verkleinerte Bildraum (Kamera: Alwin H. Küchler). Der britische Regisseur Kevin Macdonald visualisiert den harten Zusammenprall ziviler und militärischer Sphären, von Recht und Gewalt im sogenannten Krieg gegen den Terror beklemmend eindrücklich.

Dass die Anwältin den Rechtsgrundsatz „kein Prozess ohne Anklage“ nach jahrelanger Recherchearbeit schließlich durchsetzt, nutzt dem Gefangenen sehr, sehr lange nichts. Insgesamt war Slahi mehr als 14 Jahre in Haft. Er war einer von 779 Guantánamo-Häftlingen. Der neue US-Präsident Joe Biden strebt die Schließung des umstrittenen Haftlagers an.

Die britisch-US-amerikanische Produktion kommt soeben von der Berlinale in die Kinos. Der Film beruht auf dem „Guantánamo-Tagebuch“ (2015) des realen Slahi. (Ab 12; Atelier/Kamino)

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Erstellt:
17. Juni 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Juni 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2021, 01:00 Uhr

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