Energie

Preise für Diesel und Benzin: Gefahr für das Wachstum

Die hohen Preise für Diesel und Benzin belasten Teile der Wirtschaft enorm. Viele Privatleute zieht es zum Tanken ins Ausland.

20.10.2021

Von Thomas Veitinger und Julia Kling

Diese Fahrer tanken in Deutschland. Andere nutzen den Weg über die Grenze. Foto: ©Vereshchagin Dmitry/shutterstock.com

Steigende Benzinpreise sind für Autofahrer ein Ärgernis – für Unternehmen können sie existenzgefährdend werden. „Die Preisexplosion bei Treibstoffen stellt eine massive Belastung der Wirtschaft dar, die Arbeitsplätze, Wachstum und Wohlstand gefährdet“, sagt Hans-Jürgen Völz, Chefvolkswirt des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft. Schon jetzt sei erkennbar, dass zeitverzögert an die Verbraucher weitergegebene Mehrkosten für Transport, Heizen und Material zu höheren Lohnforderungen führen würden. „So droht die Corona-Krise zum Jahresende, nahtlos von einer veritablen Wirtschaftskrise abgelöst zu werden, während sich um uns herum andere Staaten Europas wirtschaftlich erholen.“

Bei den Speditionen schlagen sich die höheren Treibstoffkosten „natürlich in deutlich gestiegenen Frachtkosten nieder“, bestätigt Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Spedition und Logistik. Preise orientierten sich an Treibstoffkosten, um kurzfristige Schwankungen abzufedern. Allerdings oftmals mit einem Zeitverzug von bis zu zwei Monaten. Auf den zwischenzeitlich höheren Kosten „bleiben die Transportunternehmen dann sitzen“, sagt Huster.

Betroffen sind alle Unternehmen, die viel mit Fahrzeugen unterwegs sind. Das können Konzerne sein, aber auch lokale Elektro-Fachbetriebe, die fünf Autos in Betrieb haben oder mittelständische Bau-Unternehmen, die Bagger und Lastwagen einsetzen. „Die Betriebe werden bei anstehenden Einsätzen noch genauer schauen, ob notwendige Fahrten noch optimaler abgestimmt werden können“, teilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks mit. „Sollte dieses hohe Preisniveau allerdings länger anhalten, wird sich das auf die Kosten-Kalkulationen von Aufträgen auswirken, die dann nicht mehr passen.“

Auch die Rettungsdienste bekommen die gestiegenen Preise an den Tankstellen zu spüren. „Die höheren Betriebskosten sind messbar“, sagt Udo Bangerter, Pressesprecher des DRK-Landesverband Baden-Württemberg. Die aktuellen Kostensteigerungen seien jedoch noch tragbar, Einsatzfahrten nicht gefährdet. Die Entwicklung werde sich in den Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen im kommenden Jahr niederschlagen

Unter den hohen Spritpreisen leiden aber auch Tankstellen. Da immer mehr Menschen zum Tanken über die Grenze fahren, heißt es vom Zentralverband des Tankstellengewerbes (ZTG). Und immer mehr Kunden nähmen auch längere Fahrten auf sich. Der Verband spricht auf Twitter dabei von einem „Benzinpreis-Paradoxon“, denn eigentlich bleiben die Unterschiede an den Grenzen auch bei höheren Spritpreisen relativ ähnlich. Die Unterschiede gehen in der Regel vor allem auf Steuern und Abgaben zurück.

Nicht an allen deutschen Grenzen gibt es deutliche Preisunterschiede. Klar billiger ist Kraftstoff nach Daten der Verkehrsclubs ADAC und AvD aber unter anderem in Polen, Tschechien, Österreich und Luxemburg. In Bayern beobachtet Florian Hördegen vom ADAC Südbayern eine Zunahme des Tanktourismus nach Österreich und Tschechien. Seit vergangener Woche habe das Thema wieder an Schwung gewonnen. Jenseits der Grenze sehe man teils Schlangen an den Tankstellen, sagt er. Auch an der Grenze zu Polen nimmt der Tanktourismus zu. „Je größer die Preisunterschiede für Sprit, desto mehr leiden die Kollegen in Deutschland“, sagt Hans-Joachim Rühlemann, Vorsitzender des Verbandes des Garagen- und Tankstellengewerbes Nord-Ost. An seiner Tankstelle sei der Umsatz seit Monatsbeginn um 17 Prozent gesunken.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht die Sorge vor der Gefahr einer Wirtschaftskrise durch die Preissteigerungen bei Öl, Kohle und Gas als „sicherlich verfrüht“ an, „da die Höhe und vor allem die Dauer der Preissteigerung nicht so sind, dass man sich echte Sorgen machen müsste“.

Paketboom erwartet

Der Paketdienst Hermes rechnet damit, dass in diesem Jahr zu Weihnachten erneut mehr Päckchen und Pakete verschickt werden. Die Zahl der Sendungen von Oktober bis Dezember werde um 9 Prozent auf rund 137 Millionen steigen, schätzt Hermes - an Spitzentagen auf bis zu 3 Millionen Pakete. Hermes ist neben DPD, GLS und UPS einer der vier großen Paketdienste hierzulande. Bereits das vierte Quartal 2020 sei ein „Rekordquartal“ gewesen, erklärte Hermes. Grund war auch die Pandemie, die meisten Geschäfte in Deutschland hatten den Großteil der Zeit geschlossen. „Für das zweite Weihnachtsgeschäft unter Pandemiebedingungen“ sei Hermes gut gewappnet, erklärte Deutschland-­Chef Olaf Schabirosky. Zeitweise würden zusätzlich 3500 Arbeitskräfte im Einsatz sein; insgesamt seien es dann bis zu 15 000. Zudem vergrößere Hermes seine Fahrzeugflotte. Der Kapazitätsaufbau gehe mit höheren Kosten einher, daher erhebe Hermes einen Peak-Zuschlag für geschäftliche Auftraggeber.

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Erstellt:
20. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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