Selbsttötung

„Ich bin jetzt für dich da“

Rund 500 Jugendliche sind jedes Jahr so verzweifelt, dass sie sich das Leben nehmen. Doch die meisten wollen nicht tot sein. Sie senden Hilferufe. Diese gilt es zu erkennen.

25.10.2021

Von Elke Richter

Aus den Zeilen sprechen Verzweiflung, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit. Das Gefühl, nicht gebraucht und nicht geliebt zu werden, nichts wert zu sein. „Ich will sterben“, ist ein Satz, den die Ehrenamtlichen bei U25, einer Online-Anlaufstelle für junge Menschen mit Suizidgedanken, oft lesen. Das Gefühl, lieber tot sein zu wollen als weiterzuleben, kennen erschreckend viele Jugendliche: Rund 500 bringen sich Jahr für Jahr in Deutschland um. 10 bis 20 Mal so viele unternehmen laut seriösen Schätzungen den Versuch, sich das Leben zu nehmen.

Damit ist Suizid in der Altersklasse der 15- bis 24-Jährigen neben Verkehrsunfällen die häufigste Todesursache. Zudem gibt es bei jungen Menschen die meisten Suizidversuche. 2019 – neuere Zahlen hat das Statistische Bundesamt noch nicht veröffentlicht – schieden 471 unter 25-Jährige aus eigenem Zutun aus dem Leben. Das war zwar der niedrigste Stand seit vielen Jahren, doch Fachleute sind alarmiert. Denn seither wirbelt die Corona-Pandemie das Leben gerade auch der jungen Menschen durcheinander.

Die Münchner Arche etwa, eine auf Suizidprävention spezialisierte Beratungsstelle, verzeichnet seit dem Winter einen deutlichen Anstieg an Anfragen, die selbst sehr junge Teenager mit Suizidgedanken betreffen. „Das sind ganz klar die Auswirkungen der Pandemie und des Lockdowns auf die Jugendlichen und die Kinder, die noch kaum Krisenerfahrung haben können oder durch frühere Belastungen besonders verletzlich sind“, schildert Geschäftsführerin Heidi Graf.

Stress mit den Eltern, schlechte Noten, Streit mit Freunden, die Pubertät als solche – „das reicht alles, um in eine Krise zu kommen“, betont Graf. „Wenn dann noch alles wegfällt, was normaler­weise stabilisiert, die Klassenfahrt, die Pfadfinder, der Sportverein, die Party am Freitagabend, dann rutschen manche Jugendliche in eine Form von Niedergeschlagenheit, Depression und Zukunftslosigkeit, so dass sie vermehrt auf die Idee kommen, sich zu fragen: Was soll ich noch auf dieser Welt?“ Und in diesen Fällen ist noch lange nicht die Rede von traumatischen Erlebnissen, von Missbrauch und Gewalt oder dem Verlust geliebter Menschen.

Wenn sich jeden Tag in Deutschland im Schnitt mehr als ein Kind, Jugendlicher oder junger Erwachsener das Leben nimmt, hat das letztlich eine riesige Dimension. „In jeder Schule ist das Thema“, betont Ute Lewitzka, Psychiaterin an der Uniklinik Dresden und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. „Jeder Jugendliche hat in seiner Klasse einen Mitschüler, bei dem der Gedanke an Suizid irgendwann aufkommt.“

Den Fachleuten zufolge lässt sich nur schwer erkennen, wann ein junger Mensch Selbsttötungsgedanken hegt. Appetitlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Rückzug oder das Vernachlässigen der Körperpflege können Warnzeichen sein, treten bei Pubertierenden aber auch so in manchen Phasen auf. Dennoch sollten Bezugspersonen dann aufmerksam werden – und im Zweifel konkret nach einem etwaigen Todeswunsch fragen. Jemanden dadurch erst auf die Idee eines Suizides zu bringen, halten Fachleute für einen widerlegten Mythos.

Zwar wollen die meisten Jugendlichen nicht wirklich tot sein, sondern nur einer als ausweglos empfundenen Situation entkommen. Eine entsprechende Ankündigung sei daher oft ein Hilferuf, „aber der ist unglaublich ernst und kann potenziell den Tod bedeuten“, betont Lewitzka. „Die Bindung zum Leben ist möglicherweise stärker als die Sehnsucht zum Tod, aber die Jugendlichen nehmen in Kauf, dabei wirklich sterben zu können.“

Die meisten kündigen ihre Suizidversuche vorher an. „Da ist es entscheidend, das nicht zu überhören und sich sofort, und nicht zehn Minuten oder einen Tag später, die Zeit zu nehmen und zu sagen, das habe ich gerade gehört, das nehme ich sehr, sehr ernst, du hast jetzt meine volle Aufmerksamkeit und ich bin jetzt für dich da“, schildert Arche-Geschäftsführerin Graf.

Umgehendes Reagieren sei wichtig, betont Psychiaterin Lewitzka, weil bei vier von fünf Suiziden zwischen Entschluss und Umsetzung der Tat nur wenige Stunden vergingen. „In Krisen vor allem bei Jugendlichen reden wir teils von zehn Minuten.“ dpa

Hilfen für Jugendliche

Hilfe gibt es unter anderem bei der Telefonseelsorge unter 0800 1110111, den Krisendiensten oder den sozialpsychiatrischen Diensten der Landkreise, aber auch bei Schulpsychologen und Ärzten.

Und speziell für junge Menschen: Die „Nummer gegen Kummer“. Sie ist unter 116111 erreichbar. 300 junge Ehrenamtliche in zehn Städten stehen bei die Online-Beratungsstelle U25 Jugendlichen per E-Mail zur Seite.

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Erstellt:
25. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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