Bahn

Zug gegen Flieger: In vier Stunden nach Wien

Mehr Nachtzüge und Expressbahnen: So wollen die EU-Minister auf Fernstrecken dem Flugverkehr Konkurrenz machen.

18.05.2021

Von Dorothee Torebko

Schneller unterwegs zwischen Metropolen: Das ist das Ziel der Verkehrsminister der EU-Länder. Foto: Christophe Gateau/dpa

Berlin. Die Bahn soll eines der zentralen Verkehrsmittel im Kampf gegen den Klimawandel werden. Um die Schiene attraktiver für den Personen- und Güterverkehr zu machen, haben die europäischen Staaten nun einen Pakt geschlossen. Kann der Zug so womöglich mit dem Flugzeug konkurrieren?

Was planen die Verkehrsminister Europas? Die europäischen Staaten planen eine Reaktivierung des Trans-Europ-Express (TEE), der 1987 eingestellt worden war. Der Hochgeschwindigkeitszug soll mindestens zwei Länder über 600 Kilometer miteinander verbinden, auf einem wesentlichen Teil der Strecke soll er 160 Stundenkilometer fahren und mit Liege- und Schlafwagen ausgestattet sein. Darüber hinaus verpflichteten sich die europäischen Staaten, das Nachtzugnetz auszubauen. Ab Dezember 2021 sollen Passagiere etwa von Wien über München nach Paris im Schlafwagen reisen können. Ein dritter Schwerpunkt ist der Europatakt. Er soll bewirken, dass Städte besser vernetzt sind. Die Strecke zwischen Berlin und Wien soll nicht mehr in 8, sondern in 4 Stunden absolviert werden. Von Berlin nach Prag soll es nicht in 4 Stunden 20 Minuten, sondern in 2 Stunden 30 Minuten gehen.

Wo liegt die Kritik? Bevor es einen europäischen Takt gebe, müsse zunächst der Deutschlandtakt realisiert werden, kritisiert das Bahnbündnis Allianz pro Schiene. Bis heute habe die Bundesregierung die Umsetzung des Deutschlandtakts in Etappen nicht verbindlich auf den Weg gebracht. „Ohne einen funktionierenden Deutschlandtakt als Fundament kann es mit einem Europatakt nichts werden“, sagte Geschäftsführer Dirk Flege. Auch das Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE) übte Kritik. „Deutschland und die EU haben wesentliche Hindernisse für den grenzüberschreitenden Transport auf der Schiene noch immer nicht eliminiert“, sagte NEE-Geschäftsführer Peter Westenberger. Beispielsweise gebe es keine „vereinheitlichte Betriebssprache der Netzbetreiber“.

„Wir machen beides – Deutschland- und Europatakt“, entgegnete Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Es gebe kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch. Dabei habe die Bundesregierung auch den Güterverkehr im Blick. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte die Wichtigkeit der Maßnahmen in Anbetracht der Klimaschutzziele. So müssten die verkehrsbedingten Emissionen bis 2050 um 90 Prozent reduziert werden.

Ist die Bahn damit so attraktiv wie das Flugzeug? Ja, sagen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und viele europäische Kollegen. Nur über attraktive Verbindungen mit dem Zug könne man die Menschen zum Umstieg vom Flugzeug auf die Schiene bewegen. Die Grünen meinen, man müsse den Flugverkehr zudem unattraktiver machen. Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hatte sich für ein perspektivisches Verbot von Kurzstreckenflügen und eine „klimagerechte Besteuerung“ ausgesprochen. Es sei nicht fair, dass mit Steuergeld Kerosin subventioniert werde, während Fernfahrten mit der Bahn zu Stoßzeiten teuer seien.

Sollte es eine Kerosinsteuer geben? Das Thema ist bei der Luftverkehrsbranche ein rotes Tuch, weil die Steuer wegen der höheren Ticketpreise den Weggang von Fluggästen bedeuten könnte. Einzelne Länder könnten eine solche Steuer beschließen. Dass sie für ganz Europa kommt, ist allerdings eher unrealistisch, sagt Frank Fichert, Professor für Touristik und Verkehrswesen an der Hochschule Worms. Denn gerade die Urlaubsregionen in Europa, die von touristischen Fluggästen abhängig sind, hätten kein Interesse an höheren Ticketpreisen. Zudem könnte die Kerosinsteuer dem Klima auch schaden. „Eine nur von einem Land eingeführte Kerosinsteuer würde zu Verkehrsverlagerungen führen, im schlimmsten Fall würden die Emissionen dadurch sogar zunehmen“, sagt Fichert.

Angebot an die Lokführer

Die Deutsche Bahn hat der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) eine Lohnsteigerung von 1,5 Prozent und eine Laufzeit bis 2023 angeboten. Zudem soll ein erweiterter Kündigungsschutz sowie die Fortsetzung der Einstellungsoffensive greifen. Damit orientiert sich die Bahn an dem Angebot, dass sie mit der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vereinbart hatte. „Jetzt kann die GDL-Führung beweisen, ob es ihr um Verantwortung für Beschäftigte und Bahn oder um Eigeninteressen geht“, sagte Bahn-Personalvorstand Martin Seiler. Die GDL hatte 4,8 Prozent mehr Geld sowie eine Corona-Prämie von 1300 Euro gefordert und zuletzt wieder deutlich gemacht, dass für sie eine Einigung wie mit der EVG nicht infrage komme.

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Erstellt:
18. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2021, 06:00 Uhr

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