Lebensmittelhandel

In zehn Minuten an der Tür

In Corona-Zeiten boomen Lieferdienste für frische Waren. In den Markt fließt gerade viel Geld, einige Akteure sind in Goldgräberstimmung.

18.06.2021

Von Caroline Strang

Als besonders schnell etablieren sich in großen deutschen Städten gerade Flink und Gorillas. Foto: Flink/dpa

Vier Bananen, zwei Tüten Milch und eine Packung Scheibenkäse: Ein paar Klicks in der App und nicht einmal zehn Minuten später steht ein Bote mit der Ware vor der Haustüre. Das ist keine Wunschvorstellung, kein Tagtraum, in einigen großen deutschen Städten ist das längst Realität. Anbieter wie Gorillas oder Flink, bei dem aktuell Rewe eingestiegen ist, erobern dort Stadtteil für Stadtteil. Sie garantieren, innerhalb von 10 Minuten nach der Bestellung zu liefern.

„Das ist wirklich ein Erlebnis“, sagt Lars Hofacker, der für das EHI Retail Institute in Köln eine Testbestellung gemacht hat. Nach weniger als 10 Minuten stand eine freundliche Frau vor der Tür, die mit dem E-Bike angeradelt kam und brachte die frischen Lebensmittel vorbei. Gerade als Ergänzung zum Wocheneinkauf findet er das sehr praktisch. Aktuell gibt es diesen Service allerdings nur in großen deutschen Städten wie unter anderem Berlin, Frankfurt oder Stuttgart. Die Anbieter mieten laut Hofacker dafür kleine Ladenflächen an, damit sie dort nach der Bestellung sehr schnell die Waren zusammensuchen, aufs Fahrrad laden und überbringen können. „Es sieht so aus, als würden sie die Produkte schon zusammensuchen, während man online noch den Warenkorb füllt“, sagt Hofacker.

Ob sich diese Art von „Quick-Commerce“, die aufwendige Schnelllieferung mit Fahrradkurieren aus solch sogenannten kleinen Darkstores, jemals rechnen kann, wird von Experten bezweifelt. Ein Liefer-Manager rechnet im Fachmagazin „Lebensmittelzeitung“ (LZ) vor, dass die Anbieter für jeden Fahrer pro Stunde mit Kosten von 15 bis 20 Euro kalkulieren müssen. Das rauszuholen, sei angesichts kleiner Warenkörbe und der großen Zahl an Fahrern, die für das zehnminütige Lieferversprechen vorgehalten werden muss, so gut wie unmöglich.

Hofacker erinnert in diesem Zusammenhang an die Entwicklung des Mode-Onlinehändlers Zalando. „Viele dachten vor einigen Jahren noch nicht, dass sich ein Modell wie Zalando rechnet. Aber es wurde viel investiert und Zalando ist erst groß geworden und hat dann bewiesen, dass es sich rechnet.“ Die Frage sei, ob das auch im Bereich Lebensmittel-Lieferungen funktioniere.

Viele Marktakteure scheinen davon auszugehen. Denn nicht nur die besonders schnellen Lieferanten sind in Goldgräberstimmung und wittern das große Geschäft. Vor kurzem haben die Lieferdienste Lieferando und Delivery Hero angekündigt, auch Supermarkt-Artikel liefern zu wollen. Bisher waren sie auf Gastro-Essen spezialisiert. Das Start-up Wolt aus Finnland bietet nun in Berlin, München und Frankfurt neben Restaurant-Essen auch Lebensmittel und Getränke aus örtlichen Läden, wie die LZ berichtet. Und aus der Türkei hat der Schnelllieferdienst Getir den Weg in die EU geschafft und will bald auch in Berlin anfangen. „Da ist derzeit ganz schön Wumms dahinter, das ist spannend zu beobachten“, sagt Hofacker zur Marktlage.

Auch Picnic will expandieren. Dieser Anbieter bringt nach dem Milchmannprinzip zweimal pro Woche Lebensmittel von Edeka an die Haustüren. Bisher nur in Nordrhein-Westfalen, aber das soll sich ändern. Rewe hat sich in Ballungsräumen mit einem Vollsortiment etabliert. Der Getränkeverschicker Flaschenpost wurde gerade erst von der Oetker-Gruppe übernommen und liefert Getränke innerhalb von 120 Minuten. Edeka24, Netto online und Rewes Paketversand liefern nur haltbare Lebensmittel über Paketdienste wie DHL, andere Anbieter wie Bringmeister, Edeka, Picnic und Rewes Lieferdienst haben eigene Fahrzeuge.

Warum aber drängeln sich gerade jetzt die Lieferdienste auf den Straßen deutscher Großstädte? Der E-Food-Experte und Investor Dominique Locher sieht in der LZ das veränderte Konsumverhalten durch Corona für den massiven Kapitalzufluss und das Interesse verantwortlich. Dies zeige, welches Potenzial im Lebensmittelhandel online schlummere, der vergleichsweise wenig entwickelt sei.

Hohe Wachstumsrate

Auch Experte Hofacker sieht Potenzial. „Obwohl die Supermärkte in den Shutdowns durchgehend geöffnet waren, gab es trotzdem einen Boom bei Lebensmittelbestellungen.“ Die Nachfrage sei größer gewesen als das Angebot. Das Wachstum sei von einem geringen Niveau aus gestartet, aber deutlich gestiegen. Der Umsatz mit Lebensmittel wuchs im E-Commerce im Vergleich von 2019 und 2020 um 67 Prozent. Keine andere Warengruppe zeigt eine ähnlich hohe Wachstumsrate. „Mich freut, dass sich neue Zielgruppen wie ältere Menschen mit den digitalen Endgeräten auseinandersetzen mussten und dadurch zum Beispiel auch Lebensmittel bestellen konnten“, sagt Hofacker. Er ist überzeugt: „Die bleiben zumindest zeitweise bestimmt auch dabei und nutzen den Service zum Beispiel dann, wenn sie nicht mehr so mobil sind.“

Sind die Waren online teurer?

Öko-Test hat im November 2020 mehrere Lebensmittel-Lieferdienste miteinander verglichen. Grundsätzlich halten die Tester fest, dass der zusätzliche Service, den die Online-Supermärkte erbringen müssen, sich auch auf die Preise niederschlage. Allerdings unterscheiden sich die Kosten nicht stark vom stationären Handel, so Öko-Test. In einer Analyse vor drei Jahren kosteten Lebensmittel im Online-Supermarkt im Durchschnitt rund 17 Prozent mehr, diese Größenordnung treffe auch aktuell weiterhin zu. „Wobei vor allem diejenigen Produkte teurer ausfallen, die kühl gehalten oder sorgfältig verpackt werden müssen“, schreiben die Tester.

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Erstellt:
18. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2021, 06:00 Uhr

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