Im Takt der Ferien

Leitartikel zum Impfen von Kindern

Es ist die Zeit, in der immer mehr Menschen in Deutschland vollständig geimpft sind, und es ist die Zeit des nahenden Sommers.

08.05.2021

Von Claus Liesegang

Es ist also die Zeit, in der Öffnungen, Erleichterungen und somit die Rückkehr unserer Freiheitsrechte anstehen. Aber es ist auch schon wieder eine Zeit, in der die Regierenden Fehler wiederholen, die sie seit Beginn der Pandemie immer wieder machen: Sie reagieren nur auf Entwicklungen der Corona-Krise, haben aber – wie bereits bei der Beschaffung von Masken, Tests und Impfstoff oder bei der Konzeption von Homeschooling und Kinderbetreuungsmodellen – einmal mehr nicht rechtzeitig in die Zukunft geblickt, also präventiv Lösungen erarbeitet für die Themen und Lagen, die stets sehr vorhersehbar waren. Das eben gebilligte Aufholprogramm, das allenfalls ein Reparaturprogramm ist, belegt dies.

Dass eines Tages Menschen vollständig geimpft oder genesen sein werden und dass irgendwann auch Kinder geimpft werden können, ist ebenfalls seit Monaten klar. Trotzdem entschied die Bundesregierung auch hier erst Wochen zu spät nach zähem Geeiere darüber, ob und welche Rechte Durchgeimpfte und Genesene zurückerhalten sollen.

Fürs Impfen von Kindern gibt es hingegen noch nicht einmal eine Idee. Zu Buche steht nur ein Vorpreschen des bayerischen Ministerpräsidenten, der ankündigte, Schüler und Schülerinnen ab Juni impfen zu wollen. Dabei sind es noch gerade mal sechs Wochen, bis in den ersten Bundesländern – aber nicht in Bayern – die Sommerferien beginnen. Genau die sollte die maßgebliche Leitplanke fürs Impfen der Kinder sein. So lange nicht ausreichend Impfstoff für alle da ist, müssen Kinder, die zuerst Sommerferien bekommen, auch zuerst geimpft werden.

Das hat nichts mit einem Privileg für Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, Brandenburg, Berlin oder Hamburg zu tun. Auch nicht damit, dass nur so Familien unbeschwert zusammen in den Urlaub reisen können, weil die Eltern ja mit hoher Wahrscheinlichkeit dann auch bereits geimpft sind. Nein. Es geht darum, dass nach einem verkorksten, für manche sogar verlorenen, Schul- und Bildungsjahr 2020/21 kein weiteres solches folgt. Nur wenn Kinder ab Juni die erste Impfdosis erhalten, können sie kurz vor Schulbeginn die zweite bekommen. Ausschließlich so besteht die Chance, dass das neue Schuljahr mit einem regulären Schulbetrieb starten kann. Und der beginnt in Schwerin und Kiel nun mal sechs Wochen eher als in München und Stuttgart. Brandenburg, Berlin und Hamburg folgen binnen Wochenfrist.

Wenn nun Markus Söder hier mal wieder vorprescht, dann ist das purer Egoismus. Mit Solidarität hat das nichts zu tun. Klug ist es auch nicht. Müßig ist die Frage, ob er sich auch vordrängeln würde, wäre er Kanzlerkandidat der Union geworden. Keineswegs müßig ist aber die Frage, warum die anderen Ministerpräsidentinnen, Ministerpräsidenten und Bildungsverantwortlichen hier bis dato nur durch Ideenlosigkeit, Untätigkeit und Schweigen auffallen.

Zum Artikel

Erstellt:
8. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Mai 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App