Pandemie

Mehr Patienten, aber auch mehr Impfungen

Die Inzidenz ist hoch wie nie, erste Bundesländer wollen Intensivpatienten in andere Teile Deutschlands verlegen – manche Bürger entschließen sich nun, sich doch noch impfen zu lassen.

25.11.2021

Von Hajo Zenker

Immer mehr Intensivstationen im Süden und Osten Deutschlands haben keine Betten mehr frei. Foto: Jan Woitas/dpa

Berlin. Die Pandemie hat Deutschland im Griff, die Zahlen gehen weiter nach oben. Die künftige Ampel-Regierung hat die Corona-Bewältigung als „eine der ersten wichtigen Aufgaben der Koalition“ bezeichnet und einen Krisenstab angekündigt. Man werde das Krisenmanagement „neu ordnen“. Die scheidende Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zuvor in einem Gespräch mit Spitzenvertretern von SPD, Grünen und FDP vor einer Notlage gewarnt, „wie wir sie hierzulande noch nie hatten“. Die Lage.

Inzidenzen Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen je 100 000 Einwohner, liegt laut Robert-Koch-Institut (RKI) erstmals in der Pandemie über 400 – nämlich bei 404,5. Am Vortag hatte der Wert 399,8 betragen, vor einer Woche 319,5 (Vormonat: 106,3). Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI binnen eines Tages 66 884 Corona-Neuinfektionen – im Vergleich zu 52 826 Ansteckungen vor einer Woche. Auch immer mehr PCR-Tests sind positiv: Laut dem Verband der Akkreditierten Labore in der Medizin stieg die Zahl der positiven Befunde im Wochenvergleich von 17,3 Prozent auf nun 19,9 Prozent. Mitte Oktober hatte der Wert noch bei 8 Prozent gelegen. Die Auslastung der Labore habe von 75 Prozent auf 86 Prozent „deutlich angezogen“, so ALM-Chef Michael Müller.

Intensivstationen Angesichts der hohen Belastung vieler Intensivstationen bereitet man sich im Süden und Osten Deutschlands auf die Verlegung von Patienten in andere Bundesländer vor. Die entsprechenden Regularien sind laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) jetzt aktiviert worden. Das Problem: Das eigentlich dafür vorgesehene Prozedere funktioniert nicht. Für die länderübergreifende Umverteilung von Patienten ist Deutschland nämlich in fünf sogenannte Kleeblätter unterteilt worden, innerhalb derer der Austausch stattfinden soll. Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin beispielsweise bilden dabei das Kleeblatt Ost. Nur sind dort die Zahlen generell hoch. Und das ebenfalls gerade besonders betroffene Bayern bildet allein das Kleeblatt Süd. Weshalb Süd und Ost in ganz andere Bundesländer verlegen müssen.

Thüringen etwa hat Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein angefragt. Denn in Thüringen sind in den Kreisen Sömmerda, Sonneberg und Saale-Orla-Kreis alle Betten komplett belegt. In Bayern sieht es auch schlecht aus, wo unter anderem in den Kreisen Bayreuth, Altötting, Unterallgäu, Straubing und Würzburg kein einziges Intensivbett mehr frei ist. Laut Prof. Andreas Schuppert von DIVI habe man sich in der vierten Welle angesichts der erreichten Impfquote zunächst höhere Inzidenzen erlauben können, ohne die Kliniken zu überfordern. „Dieser Impfbonus aber ist jetzt verfrühstückt.“ Aktuell liegen 4070 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen. Vor einer Woche waren es noch 3376 gewesen, vor einem Monat erst 1622. Bundesweit gesehen gibt es aktuell 19 918 Intensivbetten, davon sind 2301 frei. Vor einem Jahr, sagt DIVI-Chef Gernot Marx, seien 4000 Betten mehr einsatzbereit gewesen – dafür fehle mittlerweile das Personal. Zum Vergleich: Der bisher höchste Wert in der Covid-Bettenbelegung war am 3. Januar 2021 mit 5762 erreicht worden.

Impfungen Die langen Schlangen an diversen Impfzentren schlagen sich auch in den Zahlen nieder: Am Dienstag haben sich laut RKI so viele Menschen eine Erstimpfung geben lassen wie zuletzt vor zwei Monaten – fast 85 000 Menschen. Am Dienstag wurden zudem gut 56 000 Zweit- und 498 000 Booster-Impfungen verabreicht. Insgesamt sind damit 68,1 Prozent der Deutschen – nämlich 56,6 Millionen – vollständig gegen Corona geimpft. 6,6 Millionen Menschen sind bereits geboostert. Regional gibt es weiterhin große Unterschiede: Bremen verzeichnet mit 79,7 Prozent den höchsten Anteil an vollständig Geimpften, Sachsen ist mit 57,8 Prozent Schlusslicht.

Hilfen verlängert

Corona-Hilfen und Kurzarbeitergeld: Eigentlich sollten beide Hilfen Ende 2021 auslaufen. Am Mittwoch hat das geschäftsführende Bundeskabinett beide bis Ende März 2022 verlängert. Damit können Unternehmen, deren Umsatz gegenüber 2019 um mindestens 30 Prozent eingebrochen ist, auch noch im ersten Quartal 2022 Zuschüsse zu den Fixkosten von 40 bis 90 Prozent sowie Eigenkapitalhilfen erhalten. Für ausgefallene Weihnachtsmärkte gibt es zusätzliche Hilfen. Das Kurzarbeitergeld können die Unternehmen bis zu 24 Monaten nutzen. Voraussetzung bleibt, dass mindestens zehn Prozent der Beschäftigten vom Arbeitsausfall betroffen sind. dik

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Erstellt:
25. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. November 2021, 06:00 Uhr

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