Stuttgarter Ballett

Mit „Onegin“ glanzvoll zurück

Sie sind wieder da: John Crankos „Onegin“ eröffnet den Reigen der Handlungsballette, mit dem Tamas Detrichs Companie zu alter Stärke zurückfinden will.

25.10.2021

Von Wilhelm Triebold

Der große romantische Ausdruck: „Onegin“ mit Elisa Badenes und Friedemann Vogel. Foto: Stuttgarter Ballett

Stuttgart. Es waren 19 Monate. Eine Ewigkeit im kurzen Tänzerleben. 19 Monate, in denen die Pandemie die Handlungsballette verhinderte, die in Stuttgart das Rückgrat des Repertoires bilden. Die großen Erzählungen des Tanzes, das Kapital des Hauses, die Königsdisziplin: Mit ihnen werden Solisten zu Stars, an ihnen probieren sich die Novizinnen und Novizen aus. Durch sie, sagt auch der Intendant, wächst das Ensemble.

„Unsere Jungen hatten noch nie Gelegenheit, eine Geschichte zu erzählen“, klagt Tamas Detrich. Nach den mehr als anderthalb Jahren, in denen das Stuttgarter Ballett sich hauptsächlich mit Streaming-Produktionen über die Corona-Zeit rettete, darf die Truppe nun endlich „in den Modus kommen“, wie Detrich sagt. „Sie sind bereit, diese Rollen zu tanzen. Und wir sind ja eine klassische Compagnie, das ist unsere Tradition.“

Die Zugnummern

Vier programmatische Handlungsballette bringt das Stuttgarter Ballett nun heraus. Marcia Haydées „Dornröschen“ als vorweihnachtliches Märchen für die ganze Familie, Arthur MacMillans opulentes Historiendrama „Mayerling“, und von Hausikone John Cranko neben der komödiantischen Zugnummer „Der Widerspenstigen Zähmung“ nun vorneweg sein psychologisch fundierter „Onegin“.

„Das Herzstück“, sagt Detrich. Und neben „Romeo und Julia“, ebenfalls von Cranko, Garant fürs anhaltende Stuttgarter Ballettwunder. Bevor „Onegin“ in den Lockdown geschickt wurde, ging das tragische Liebesleid des beziehungsunfähigen Dandys und der – daran beinahe zerbrechenden – Tatjana mehr als 600 Mal über die Bühne und wurde in dieser Version 2019 sogar kinogerecht verfilmt.

Doch man muss es live gesehen haben. „Wie kann man Onegin tanzen . . . und dafür nicht ins Gefängnis kommen?“, hatte der Tanz-Purist Balanchine noch gelästert. Man kann – und statt im Knast landet man dann im siebten Himmel. Mit der Wiederaufnahme am Samstag wurde das Glanzstück aus dem Stuttgarter Fundus nochmal aufpoliert. Altmeister Jürgen Rose, der schon beide Cranko-Premieren der 1960er-Jahre ausgestattet hatte, nutzte die Pandemiepause, um anhand frühester Skizzen das Bühnenbild zu überarbeiten und neu auszuleuchten. Es atmet dabei weiterhin den dekorativen Geist seiner Zeit, bis es etwas staubt.

Als Traumpaar des Neustarts zeigt Friedemann Vogel mit düsterer Eleganz, wie Onegin mit seinen Schattenseiten ringt, und Elisa Badenes, wie sich eine Frau schmerzlich befreit. Schließlich hat Cranko ein kluges Entwicklungsballett hinterlassen, dessen Titelheld sich zwar zum bitteren Ende doch noch seiner Gefühle bedient, die vergeblich verschmähte und umworbene Tatjana aber ihres Verstandes. Angesichts der „enormen Herausforderung“ (so Detrich) an die gesamte Compagnie wurden fast alle Rollen doppelt und dreifach besetzt. So wird künftig bei den zumeist schon ausverkauften kommenden „Onegin“-Vorstellungen munter durchgewechselt, auch jüngere Solisten und Solistinnen kommen so in den Genuss von Paraderollen..

In einem Jahr, bis Weihnachten 2022, soll außerdem ein neuer „Nussknacker“ vorliegen, von Edward Clug choreografiert. Da wird zum einen der Nachwuchs der Cranko-Ballettschule mit einbezogen, zum anderen diese Neuproduktion ganz „auf ein Familienpublikum“ ausgerichtet, wie der Intendant betont. Eine Planung, die übrigens schon vor Beginn der Pandemie angestoßen wurde.

Das Wiederaufnahme-Publikum der ersten Stunde feierte am Samstag die „Onegin“-Reprise lauthals, als säßen bereits doppelt so viele Ballettfans im Parkett und auf den Rängen.

Demnächst wohl wieder ein volles Haus

Im kommenden März geht das Stuttgarter Ballett auf Japan-Tournee. Im Gepäck: Crankos „Onegin“ und Haydées „Dornröschen“. Das Kindermärchen hat am 26. November seine Stuttgarter Wiederaufnahme-Premiere.

Im November wird nach heutigem Stand die bis dato praktizierte Schachbrett-Platzausnutzung aufgehoben, nach der ungefähr die Hälfte der 1400 Sitze im Opernhaus pandemiebedingt wegfallen. Dann soll es, unter Einhaltung aller Hygiene-, Abstand- und G3-Regeln, wieder ein volles Haus geben.

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Erstellt:
25. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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