Bregenzer Festspiele

Neros Auftritt als Heldentenor

Mit einer musikalisch faszinierenden Opern-Ausgrabung von Arrigo Boito beginnt das Festival am Bodensee.

23.07.2021

Von JÜRGEN KANOLD

Extrem: Rafeal Rojas als Nerone. Großer Beifall für die Premiere der Oper Arrigo Boitos im Bregenzer Festspielhaus. Foto: Karl Forster/Bregenzer Festspiele

Bregenz. Rom brennt, und Nero zupft dazu auf der Leier – und singt grauslich. So kennt man das, aus dem Monumentalfilm „Quo vadis?“ von 1951, mit Peter Ustinov als geisteskrankem Kaiser und Pseudo-Künstler. Nero aber kann noch ganz anders auftreten: als Heldentenor auf der Opernbühne. Mit „Nerone“ von Arrigo Boito haben die Bregenzer Festspiele am Mittwochabend begonnen – bei Traumwetter am Bodensee, aber drinnen im Festspielhaus.

Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen war zur Eröffnung gekommen, ein kultureller Staatsakt gehört dazu, aber in diesem Jahr gratulierte er den Bregenzer Festspielen zum 75. Geburtstag. Mit Mozarts Singspiel „Bastien und Bastienne“ auf zwei Kieskähnen hatte 1946 alles angefangen, In diesem Jahr sind allein für die 28 Aufführungen von „Rigoletto“ auf der Seebühne rund 200 000 Karten aufgelegt. Draußen also das Opernspektakel für das ganz große Publikum, drinnen eine Ausgrabung – das gehört zur Bregenzer Dramaturgie, auch in der Intendanz von Elisabeth Sobotka.

„Nerone“ also: 1924 unvollendet und posthum uraufgeführt in der Mailänder Scala unter Arturo Toscanini. Den Komponisten Arrigo Boito (1843-1918) kennt man aus der Musikgeschichte in einer ganz anderen Rolle: als den Intellektuellen und Dichter, der Giuseppe Verdi aus der Schaffenskrise half und ihm die Libretti lieferte zu den späten Shakespeare-Opern „Otello“ und „Falstaff“. Er verehrte den Altmeister sehr – was eigentlich verwundert: Führte Boito doch in den 1860er Jahren die „Scapigliatura“ an, die Künstlergruppe der „Zerzausten“, die antrat, um die Kultur der bürgerlichen italienischen Gesellschaft aufzumischen. Ihn faszinierte das Hässliche und Groteske, und ein Wagner-Verehrer war er auch noch.

Im berühmten „Credo“ des Jago in Verdis „Otello“, dieser dämonischen Hymne auf das Böse und das Nichts, hat sich der radikale Boito verewigt. Aber eine Teufels-Oper in vier Akten komponierte er selbst: „Mefistofele“ nach Goethes „Faust“, 1868 uraufgeführt.

Die Lust am Bösen

Um Gut und Böse, ja um die künstlerische Lust am Bösen, um das Dämonische sowieso, um das schöne Ungeheuerliche geht es auch in der Oper „Nerone“, an der Boito seit 1862 arbeitete – 56 Jahre bis zum Tod. Die perfekte Oper wollte er schaffen, ein Gesamtkunstwerk, als Komponist und Dichter, wie Richard Wagner. Diesen „Wagnerismo“ warfen ihm die Italienier dann auch vor.

Die Handlung von „Nerone“? Sie zu erzählen, tut sich auch das Bregenzer Programmmmheft schwer. Regisseur Olivier Tambosi hilft dann auch nicht gerade, was aber offenbar Methode hat. Der kranke Nero also inszeniert seine Macht, ihn plagt freilich das Gewissen, seine Mutter ermordet zu haben. Dann treten auf: ein heidnischer Magier namens Simon Mago (sehr teuflisch, mit Flügel) und Fanuèl, der Prophet des neuen Christentums, der in Bregenz wie ein Heiland aus Oberammergau daherkommt. Die Vestalin Rubria (mächtig aufdrehend, wie eine Kundry: Alessandra Volpe) und eine göttlich verführerische Asteria (Svetlana Aksenova) mischen sehr weiblich mit. Es geht um Dekadenz, den wahren Glauben und darum, wie den Kaiser Nero der Anblick von Leid und Tod gewissermaßen sadistisch-künstlerisch erregt. Und viel Blut ist im Spiel.

Regisseur Olivier Tambosi zeigt das sehr ästhetisch-drastisch auf der von Frank Philipp Schlössmann gestalteten Bühne und in pointierter 1920er-Jahre-Kostümierung (Gesine Völlm). Er klärt nicht auf, er verfremdet noch, etwa mit gedoubelten Akteuren. Groteske, Horror, Chor-Travestie, Mysterium, Liebestod-Pietá. Aber so ist auch die Musik – und die fasziniert in der von Dirk Kaftan dirigierten Aufführung der herausragenden Wiener Symphoniker.

Es klingt natürlich auch nach „Otello“, aber Puccini spielt mit, Wagner sowieso, und dann führt die Partitur schon weit hinein ins expressive 20. Jahrhundert, Schreker etwa lässt grüßen, aber es bleibt tonal, italienisch melodiös. Aber es ist zunächst mal Boito. Diverseste Klangarben, Trompeten-Fanfaren wie zarteste Holzbläsertupfer und gewaltige Attacke. Ein Erlebnis.

Aber man muss diese Oper singen können. Bregenz bietet ein tolles Ensemble: Lucio Gallo mit mächtig brutalem Bariton als Simon Mago, Brett Polegato als Fanuèl. Und natürlich Rafael Rojas mit lyrisch hochdramatischem Tenor als irgendwie verwirrter, staunender Nerone. Klingt einfach viel besser als Peter Ustinov. Großer Premierenbeifall in Bregenz.

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Erstellt:
23. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2021, 06:00 Uhr

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