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Entringen

Pädagogik auf leisen Pfoten

Die Gemeinschaftsschule Ammerbuch ist auf den Hund gekommen. Der vierjährige Labrador-Rüde Apollo sorgt dort für Ruhe, Respekt und mehr Spaß im Unterricht.

22.02.2019

Von Uschi Hahn

Schuluniform trägt an der Gemeinschaftsschule Ammerbuch nur einer: Ein blauer Latz weist den Labrador-Rüden Apollo als Schulhund aus. Mit seiner Besitzerin, der Grund- und Hauptschullehrerein Katrin Reinhardt (vorne links), kommt er regelmäßig in den Unterricht der Klasse 8b. Der Umgang mit dem Hund ist mehr als ein Spiel. Die Schüler lernen viel über klare Regeln, eindeutige Körpersprache und Rücksichtnahme. Bild: Ulrich Metz

Ein leiser Pfiff genügt und Apollo erhebt sich von seinem Kissen im hintersten Eck des Klassenzimmers. Kurz räkelt er sich nach seinem kleinen Nickerchen, dann tappt der Labrador nach vorne zu Katrin Reinhardt. Besonders eilig hat er es nicht. Er weiß, dass er auf dem Weg zum Einsatz noch ein paar Streicheleinheiten abstauben kann. Wo immer er auf seiner Strecke nach vorne zu Katrin Reinhardt an Schülerhänden vorbeikommt, gehen die kurz nach unten und fahren wie beiläufig über das kurze Fell des freundlich dreinblickenden Rüden.

Reinhardt ist seit zwei Jahren Klassenlehrerin der 8b. Englisch, Deutsch, Geschichte: Insgesamt verbringt die 40-Jährige jede Woche 17 Unterrichtsstunden mit den 13- bis 15-Jährigen. Meistens hat sie ihren Hund dabei. Apollo begleitet sie aber auch in andere Klassen der Ammerbucher Gemeinschaftsschule.

Wer mit der Pädagogin und dem Hund durchs neue Schulhaus am Entringer Bahnhof läuft, merkt sofort: Der Hund kommt an. Selbst die Bauleute, die noch immer letzten Arbeiten zu erledigen haben, blicken kurz auf und lächeln Reinhardt und ihren vierbeinigen Assistenten freundlich an. „Der ist ein echter Katalysator“, sagt die Lehrerin und lächelt zufrieden zurück.

In der Klasse ist Apollo jetzt bei Reinhardt angekommen. Sie zeigt ihm einen roten Pappwürfel, den die Lehrerin rundum in stabile Plastikfolie eingepackt hat. Auf allen sechs Seiten gibt es Taschen, in denen blaue Zettel mit Fragen stecken. Auf einen Wink von Reinhardt setzt sich der Hund. Die Lehrerin ruft einen Schüler auf. Das Spiel beginnt.

Finn kommt nach vorne, erwartungsvoll schaut Apollo ihn an. Der Schüler legt den Würfel vor dem Hund auf den Boden und gibt ein Kommando. Energisch stupst der Labrador den Quader mit der Schnauze an, bis er in einer anderen Position liegen bleibt und Finn die oben liegende Frage herausfingern und beantworten kann. Zur Belohnung bekommt der Hund von Finn ein Leckerli, Apollo gibt ihm dafür noch die Pfote. Dann ist der oder die nächste an der Reihe. Hier gelten klare, eingeübte Regeln. Die Jugendlichen geben ruhige Anweisungen. Der Hund akzeptiert die eindeutige Körpersprache.

Für das Tier ist der Würfel ein Spielzeug. Für die Lehrerin ein Mittel, um zu überprüfen, ob der Stoff, den sie zuvor im Englischunterricht durchgenommen hat, bei ihren Schülerinnen und Schülern sitzt. Sechs Mal würfelt Apollo, sechs Mal werden die Fragen korrekt beantwortet. Außer den leisen Kommandos und den Antworten ist es im Klassenzimmer absolut ruhig. Es ist so still, dass man das leise Kratzen der Pfoten auf dem Parkettboden hört.

Es bleibt auch dann ruhig, als das Würfelspiel vorbei ist. Die Schüler vertiefen sich in Arbeitsblätter. Der Hund trollt sich zurück auf sein Ruhekissen und brummelt vor sich hin. „Ein Zeichen von Entspannung“, erklärt Katrin Reinhardt. Überhaupt sei der Labrador ein „echter Entspannungskünstler“.

Vier Jahre alt ist der Rüde. Mit elf Wochen kam er zu Reinhardt. Bevor er zum Schulhund wurde, musste der Labrador selbst zur Schule gehen. Die Grund- und Hauptschullehrerin machte mit ihm den Welpenführerschein und besuchte etliche andere Kurse in einer Hundeschule. Zwölf Jahre unterrichtete Reinhardt in Rottenburg, vor zwei Jahren wechselte sie an die Ammerbucher Gemeinschaftsschule. Den Hund nahm sie zunächst nur zu Konferenzen oder anderen Besprechungen mit. Die Idee, Apollo auch im Unterricht einzusetzen, hatte Rektor Christian Rapp. Er kannte vierbeinige Pädagogen aus seiner früheren Schule.

Die Anfänge von Apollos Schulkarriere waren vor allem für seine Besitzerin schwierig. „Ich habe nicht gewusst, wie es geht“, gesteht Reinhardt. Immer wieder hat sie nach Literatur zu dem Thema gesucht, sich langsam herangetastet. Im Juli 2018 schließlich begann sie mit dem Vierbeiner die Ausbildung zum Schulhund. Bei der Organisation „Hand in Pfote“ in Baden-Baden absolvierten die beiden fünf Wochenend-Seminare und bestanden im November die Abschlussprüfung mit Bravour. „Apollo gehorcht sehr gut“, steht im Abschlusszeugnis.

Neben der investierten Freizeit hat sich Reinhardt die Ausbildung und das Zertifikat rund 2000 Euro kosten lassen. „Das muss man schon wollen“, sagt sie. Aber es hat sich gelohnt. Denn nicht nur Apollo hat etwas gelernt, auch sie ist sicherer geworden im Spannungsfeld zwischen den Schülern und dem Hund. Sie erlebe ihre Arbeit als Lehrerin neu. Sei „weg gekommen von der Routine“.

Auch das Verhältnis zu den Schülern hat sich verändert. Sie werde von den Schülern „anders wahr genommen, respektvoller“, sagt Reinhardt. Eigentlich seien ja gerade die Achtklässler vom Alter her „etwas igelig“, umschreibt sie die schwierige Pubertätsphase. „Aber Apollo öffnet mir die Herzen.“

Und die Köpfe. Diesen Eindruck zumindest hat, wer mit den Schülerinnen und Schülern spricht, die Apollo fast täglich um sich haben. „Voll schön“, findet es zum Beispiel Valentina, wenn der Hund im Unterricht ist. „Es ist ruhiger in der Klasse“, sagt die 15-Jährige. „Man kann sich besser konzentrieren und hat mehr Spaß.“ Es sei „entspannter“, sagt auch Emilie, 14, über das Klima im Unterricht. Schließlich hätten alle gelernt, dass „Hunde sehr lärmempfindlich sind“. Auch Muhamet schätzt die wohltuende Wirkung der tiergestützten Pädagogik. „Der beruhigt einen“, sagt der 14-Jährige. „Wenn man aufgeregt ist und ihn streichelt, kommt man runter“ sagt Georg, 14, über den Schulhund.

Das alles kann Reinhardt nur bestätigen. „Sie passen alle ganz arg auf ihn auf“, beschreibt sie die Rücksichtnahme auf das Tier, die sich auf den Umgang der Schüler untereinander übertrage. Fürsorge und sich Kümmern nennt sie als weitere soziale Fähigkeiten, die der Hund bei den Kindern und Jugendlichen befördert. „Das hilft der ganzen Klassengemeinschaft.“ Auch Motivation spielt eine große Rolle. Manchmal könne sie den Hund kaum bremsen auf dem Weg ins Klassenzimmer, erzählt Reinhardt. „Das springt auf die Kinder über“, erlebt die Lehrerin immer wieder.

Und Apollo? Als es zum Abschluss der Doppelstunde Englisch läutet, erhebt sich der Hund von seiner Matte und läuft nach vorne. Erwartungsvoll wedelt er mit dem Schwanz. Der Labrador weiß genau, was jetzt kommt und macht von ganz alleine Sitz. Dieses Mal ist Leandro dran, dem Hund die Pausenbanane zu geben. „Ja“, lacht Katrin Reinhardt „Rituale sind ganz wichtig.“ Für die Klasse. Und für den Hund.

Tiere als Therapeuten und Pädagogen

Die Wirkung von Tieren auf Kinder entdeckte in den 1960er Jahren der amerikanische Kinderpsychotherapeut Boris M. Levinson zufällig während einer Therapiestunde. Sein Hund verschaffte ihm Zugang zu einem Kind, das sonst sehr verschlossen war. Seither bezog er Tiere gezielt in sein Behandlungskonzept ein.

Inzwischen gibt es etliche Forschungsergebnisse zum Thema tiergestützte Therapie. So bewiesen Studien die beruhigende Wirkung von Hunden auf Kinder, die einen Test schreiben mussten. Je mehr sie sich auf das Tier einließen, desto niedriger war ihr Kortisolspiegel im Speichel.

In der Schweiz sind Schulhunde bereits seit den 90er Jahren im Einsatz. Auch in Baden-Württemberg sind an immer mehr Schulen Vierbeiner als Co-Pädagogen gefragt. Klare Regeln für den Einsatz gibt es bisher nicht.

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Erstellt:
22. Februar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Februar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2019, 01:00 Uhr

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