Weiler · Gutenachtgeschichte

Polizisten, die die Tatwaffe essen

Eine schwarzhumorige Kurzgeschichte und eine satirische Dystopie lockten rund 80 Gäste zum Auftakt beim Bürgerhaus in Weiler.

28.07.2021

Von Jana Breuling

Nicole Hillmayr las bei der Gutenachtgeschichte in Weiler aus dem satirischen Zukunftsroman „Quality-Land“ von Marc-Uwe Kling. Bild: Jana Breuling

Der britische Schriftsteller Roald Dahl ist für seine Kinderbücher bekannt, aber auch für schwarzhumorige Kurzgeschichten. Mit einer makabren Kurzgeschichte gewährte Vorleserin Julia Groß den Zuhörenden bei der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte in Weiler am Dienstagabend einen Einblick in das Werk „Gesammelte Erzählungen von Roald Dahl“. Mit sanfter Stimme fesselte Julia Groß die Zuhörenden. Sie ist Deutschlehrerin am Eugen-Bolz-Gymnasium.

„Die Lammkeule“ aus dem Jahr 1953 beginnt harmlos: Eine schwangere Ehefrau wartet auf ihren Gatten, der von der Arbeit heimkehrt. Liebevoll empfängt sie ihn mit dem gewohnten Ritual: Sie serviert ihm Wiskey auf Eis und genießt sein, ihr wohlbekanntes erschöpftes Schweigen nach einem langen Arbeitstag als Polizist. Treffsicher skizziert Dahl die geduldige, unterwürfige, fügsame Hausfrau, deren Hauptaufgabe darin besteht, ihrem Gatten einen möglichst angenehmen, komfortablen Abend zu bereiten. Dieser hat jedoch etwas Schockierendes mitzuteilen. In wenigen Minuten legt er sein Geständnis ab – der Autor lässt dabei den Leser raffiniert im Unklaren. Doch es lässt sich leicht erahnen. Die schockierende Nachricht verleitet die schwangere Frau jedenfalls dazu, ihren Mann mit einer gefrorenen Lammkeule niederzustrecken. Dann schiebt sie die Keule in den Backofen und verlässt das Haus, um beim Kaufmann die Zutaten für ein gemeinsames Abendessen für ihren geliebten Gatten zu kaufen – und sich mit ihrer vermeintlich fürsorglichen, liebevollen Haltung ein Alibi zu verschaffen. Als sie zu Hause eintrifft, ruft sie unter Tränen die Polizei und lässt den Mord wie einen Überfall aussehen. Eine unerschöpfliche Suche nach der Tatwaffe beginnt. Die mit der Ehefrau gut vertrauten Polizisten werden müde und freuen sich, als die diese sie zum Essen einlädt. Nichtsahnend vernichten die Polizisten schmatzend und rülpsend die Tatwaffe und ahnen nicht, welchen Gefallen sie der Dame des Hauses damit tun.

Drohnen mit Flugangst

Der zweite Beitrag war eine Kombination aus vorgelesenen Abschnitten aus „Quality-Land“ von Marc-Uwe Kling und eigenen Gedanken der Vorleserin Nicole Hillmayr, die in einer Tübinger PR-Agentur arbeitet. Die Zukunftssatire spielt in einem durchdigitalisierten, von künstlicher Intelligenz dominierten Deutschland, wo Algorithmen die Partnerschaft bestimmen. Roboter und Drohnen erfüllen die Wünsche der Menschen, bevor diese ihre eigenen Bedürfnisse spüren. Bisherige Nachnamen wie Müller, Schneider und Wagner klangen zu mittelalterlich, passten nicht zur neuen fortschrittsorientierten Landesidentität. Eine Werbeagentur beschloss, dass jeder Junge den Beruf seines Vaters als Nachnamen tragen muss und jedes Mädchen den Beruf seiner Mutter. Da gibt es Sabine Mechatronikerin und Walter Putzkraft, Sabine Strafgefangene und ihren Zwillingsbruder Robert Aufseher, Claudia Superstar und Peter Arbeitsloser, der kaputte Roboter verschrotten müsste, doch stattdessen heimlich repariert. Die Geräte lagert er in seinem Keller, sie haben ganz menschliche Probleme: eine Drohne mit Flugangst und ein Bombenentschärfer, der in Stresssituationen zittert.

Zwischen den literarischen Einblicken spielte der Musikverein Weiler unter der Leitung von Dirigent Jochen Stübenrath Ohrwürmer wie Miriam Makebas „Pata, Pata“ und Siegfried Bundels „Saluto Lugano“. Matthias Klaiber, Vorstand des Fördervereins Bürgerhaus Weiler, moderierte.

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Erstellt:
28. Juli 2021, 18:48 Uhr
Aktualisiert:
28. Juli 2021, 18:48 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2021, 18:48 Uhr

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