Bildung

„Präsenz muss der Normalfall sein“

Zu Beginn des neuen Semesters setzt Ministerin Thereia Bauer auf Studieren im persönlichen Kontakt. Die härteren Einschränkungen für Ungeimpfte greifen an den Hochschulen nicht.

24.09.2021

Von JENS SCHMITZ

„Gehen von einer Impfquote von 90 Prozent bei Studierenden aus“: Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne). Foto: Bernd Weissbrod/dpa

Stuttgart. Die grün-schwarze Koalition hat ihre Haushaltsverhandlungen abgeschlossen, in einer Woche beginnt an den Hochschulen des Landes das dritte Semester unter dem Einfluss der Corona-Pandemie. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne), was den Studienbetrieb erwartet und welche inhaltlichen Schwerpunkte sie setzen möchte.

Frau Ministerin Bauer, am 1. Oktober beginnt an den Hochschulen das Wintersemester; seit dieser Woche gilt die neue Corona-Verordnung Studienbetrieb. Was erwartet die Menschen?


Theresia Bauer:
Wir lassen zum Wintersemester den Präsenzbetrieb grundsätzlich wieder zu. Wir gehen davon aus, dass er der Normalfall ist und die digitale Komponente die Bereicherung da, wo es sinnvoll und notwendig ist. Es sind weiterhin Hygiene-Konzepte vorzuhalten, dazu gehört auch eine bedingte Maskenpflicht. Wir verbinden das mit der 3G-Regel: getestet, genesen oder geimpft. Und zwar unabhängig von den Basis-, Alarm- und Warnstufen der allgemeinen Corona-Verordnung und auch unabhängig von Belegungszahlen der Intensivmedizin.


Ist die Impfquote unter Studierenden bekannt?

Leider nur grob, auf der Grundlage von Befragungen an einzelnen Hochschulen. Wir werden im Laufe des Semesters über unser Kontrollsystem für 3G hoffentlich bessere Zahlen bekommen. Aber wir haben guten Grund anzunehmen, dass es jetzt schon eine hohe Quote gibt. Wir gehen von rund 90 Prozent aus.


Und bei den Lehrkräften?

Wir dürfen das nicht abfragen. Fragen Sie mich nicht, für wie sinnvoll ich das halte. Aber es ist halt so. Sobald es eine Rechtsgrundlage gibt, wollen wir Zahlen bekommen.


Bei den Schülern werden Lernlücken erfasst, um in den kommenden Monaten nacharbeiten zu können. Wie sieht das an Hochschulen aus?

Wir haben unabhängig von Corona jetzt schon eine Studieneingangsphase, in der die Hochschulen nach den Lernständen der Studierenden schauen und Unterstützung anbieten, weil die Studienanfänger bundesweit mit sehr unterschiedlichem Vorwissen ankommen. Aufbauend auf diesem System müssen wir jetzt noch einmal mehr tun. Wir haben in den Haushaltsberatungen zusätzlich 28 Millionen Euro dafür vereinbart. Die Entscheidung liegt natürlich beim Parlament.

Mit die größten psychischen Belastungen durch die Pandemie haben Erhebungen bei Studierenden festgestellt. Ist geplant, auch bei den psychologischen Hilfsangeboten nochmal nachzusteuern?

Bei den Beratungsangeboten wurde schon nachgelegt. Das Sommersemester war das dritte Semester in Folge ohne persönlichen Kontakt auf dem Campus zu anderen. Das war ohne Zweifel eine erhebliche Beeinträchtigung. Man ist in einer Lebensphase, in der man sich von seinen Eltern löst, selbstständig wird, sich einen eigenen Bekannten- und Freundeskreis aufbaut. Man braucht also nicht nur zum Studieren, sondern auch im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung Kontakt zu anderen. Deswegen ist es wichtig, dass nach drei Semestern, jetzt, wo der Impfstoff da ist, die Rückkehr zur Präsenz mit Nachdruck betrieben wird.

Sie haben gefordert, Studierenden angesichts der Impfmöglichkeit keine Gratis-Corona-Tests mehr zu stellen.
Es ist im Detail noch nicht alles geklärt. Am besten wäre es, man würde das bundesweit gemeinsam regeln. Die Gespräche laufen.

Sie haben zudem angekündigt, die Fristen für Prüfungen um drei Semester zu verlängern. Wie weit ist dieser Plan?
Die Regierungsfraktionen haben dieses Thema übernommen, somit können wir schnell eine rechtliche Grundlage schaffen. Sie sind gerade in der Abstimmung und werden das zu Beginn der Herbstsaison ins Parlament einbringen. Wir werden das so umsetzen können, dass es für die Betroffenen nicht zu einer Regelungslücke kommt.

Zum Start des Schuljahres haben diesen Monat mehrere Pädagogenverbände Lehrermangel im Land beklagt. Die grün-schwarze Koalition hat angekündigt, „Jetzt für Morgen“ zu investieren, und gerade Haushaltsberatungen beendet. Wann ist der Lehrermangel behoben?

(lacht) Man kann halt Lehrerinnen und Lehrer nicht backen, sondern die Ausbildung dauert lange. Wir haben ja schon vor ein paar Jahren im Grundschulbereich die Kapazitäten um 400 Anfängerplätze erhöht, sodass wir in dieser Hinsicht ordentlich aufgestellt sind. Wir haben im gymnasialen Bereich eher ein leichtes Überangebot an Absolventen. Im Bereich Berufsschullehramt gelingt es nicht, unsere Ausbildungskapazitäten auszuschöpfen, weil sich seit langem nicht genügend junge Leute für ein solches Studium finden. Einen Bedarf, Kapazitäten auszuweiten, sehen wir und das Kultusministerium bei der Sonderpädagogik. Aber die Hochschulabsolventen müssen am Ende in den Schulen ankommen. Und da fehlt es derzeit tatsächlich an Personen.

Wo liegt das Problem?

Wichtig sind gute Arbeitsbedingungen in den Schulen. Es wäre hilfreich, wenn es mehr Bereitschaft gäbe, die Arbeitszeit aufzustocken, also weniger Teilzeit zu arbeiten. Und die fachliche und regionale Passung des Lehrernachwuchses fürs ganze Land sollte weiter optimiert werden, damit sie dann auch in den Schulen in Baden-Württemberg ankommen, in denen sie dringend gebraucht werden. Wir haben außerdem eine Studie am Laufen, um genauer zu verstehen: An welchen Stellen verlieren die Hochschulen während des Studiums die jungen Leute? Auch da wollen wir die Passgenauigkeit verbessern.

In den Haushaltsberatungen sollten die Ministerien zusammen mindestens 250 Millionen Euro einsparen. Was haben Sie angeboten?

Ich halte das für meinen Bereich für außerordentlich schwierig. Ich sehe nicht, dass wir irgendeinen Hochschulstandort nicht mehr brauchen würden oder dass unsere Absolventen schlechte Chancen hätten. Wir müssen meines Erachtens mit dem Bund intensiv darüber reden, wie das Steueraufkommen verteilt wird zwischen Bund und Ländern – insbesondere auch, da der Bund häufig bestellt und die Länder zahlen. Bildung und Hochschule sind personalintensive und wachsende Bereiche. Die Steuerverteilung hat das nicht abgebildet. Wir werden um so etwas wie eine neue Föderalismuskommission nicht herumkommen, bei der wir über die angemessene Steuerverteilung noch einmal ernsthaft reden.

Die Vorhabenliste im Koalitions-Vertrag zu Ihrem Bereich steht wie fast alles unter Finanzierungsvorbehalt. Welche Punkte haben Priorität?

Wir müssen in den drei Bereichen vorankommen, bei denen es besonders auf Forschung und Innovationskraft ankommt: die Corona-Bewältigung und Gesundheitsversorgung, die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sowie die Transformation der Mobilität und der Klimaschutz.

Schlüsseln Sie das gerne noch etwas auf.

Zur Bewältigung der Corona-Folgen zählt neben der Unterstützung der Hochschullehre die Verlässlichkeit unseren Kultureinrichtungen gegenüber, die jetzt wieder öffnen, aber noch Unterstützung des Landes brauchen. Massiv investieren wollen wir unseren Gesundheitsstandort und insbesondere die Hochschulmedizin. Zur Stärkung des Gesundheitsstandorts hat das Land allein dieses Jahr mehr als 100 Mio. Euro zusätzlich beschlossen. Wir werden unsere Innovationscampus weiter unterstützen und die Gewinnung internationaler Spitzenkräfte fördern, etwa im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) das Cyber Valley mit einem neuen Ellis-Institut, dem europäischen Spitzen-Netzwerk für KI, und mit neuen KI-Professuren im ganzen Land.

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Erstellt:
24. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. September 2021, 06:00 Uhr

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