Bundesbank

Präsident Jens Weidmann tritt überraschend zurück

Präsident Jens Weidmann erklärt seinen Rücktritt. Der 53-Jährige gilt als Kritiker der ultralockeren europäischen Geldpolitik.

21.10.2021

Von Rolf Obertreis

Jens Weidmann, Präsident der Bundesbank.

Frankfurt/Main. Völlig überraschend hat Bundesbank-Präsident Jens Weidmann seinen Rücktritt zum Jahresende angekündigt und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um seine Entlassung gebeten. „Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass mehr als zehn Jahre ein gutes Zeitmaß sind, um ein neues Kapitel aufzuschlagen – für die Bundesbank, aber auch für mich persönlich“, schreibt der 53-Jährige. Genaue Gründe nennt er nicht.

In der Politik und in Finanz- und Notenbank-Kreisen bedauert man die Entscheidung. „Mein großer Dank gilt Jens Weidmann für sein außerordentliches Engagement an der Spitze der Bundesbank“, sagt Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Er habe nicht nur die Geldpolitik in Deutschland und Europa maßgeblich geprägt, sondern auch die Weiterentwicklung der internationalen Finanzmärkte vorangebracht. „Jens Weidmann hat sich um unser Land sehr verdient gemacht.“ Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) sagte, sie respektiere Weidmanns Schritt. „Doch ich bedauere seine Entscheidung auch zutiefst. Weidmann ist Mitglied des EZB-Rates.“ Wer am 1. Januar an die Spitze der Bundesbank rückt, ist unklar.

Weidmann steht seit Mai 2011 an der Spitze der Bundesbank. Er war damals mit 43 Jahren der jüngste Kandidat, der je auf den Chefsessel rückte. Sein Vertrag läuft eigentlich noch bis April 2027. Der frühere enge Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wäre am 1. November 2019 gerne Präsident der EZB geworden, musste aber Lagarde den Vortritt lassen, weil Ursula von der Leyen (CDU) zur Präsidentin der EU-Kommission ernannt wurde. Weidmann hatte gleichwohl danach betont, er bleibe gerne an der Spitze der Bundesbank. Dort wie auch international war er durch sein enormes Wissen, aber auch durch seine offene Art hochgeschätzt. „Jens ist ein guter persönlicher Freund, auf dessen Loyalität ich jederzeit zählen konnte“, sagt Lagarde. Weidmann war zwar grundsätzlich für die Anleihe-Käufe und die Corona-Krisenprogramme, gehörte aber stets zu den Kritikern, die eine klare Perspektive für den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik forderten.

In seinem Brief an die Beschäftigten der Bundesbank spricht der 53-Jährige von einer ereignisreichen Zeit. Als Präsident sei es ihm stets wichtig gewesen sei, dass die klare, stabilitätsorientierte Stimme der Bundesbank deutlich hörbar bleibe. Aber Weidmann bekräftigt auch seine Bedenken. „Die zahlreichen geldpolitischen Notmaßnahmen waren jedoch auch mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, und im andauernden Krisenmodus wurde das Koordinatensystem der Geldpolitik verschoben.“ Das unlängst von der EZB festgezurrte Inflationziel von 2 Prozent hält er für richtig ebenso wie die Entscheidung, Nebenwirkungen und Risiken stärker in den Blick zu nehmen.

Weidmann ist nach Karl Otto Pöhl und seinem Vorgänger Axel Weber der dritte Bundesbank-­Präsident, der vorzeitig von dem Amt zurücktritt. Pöhl hatte das Amt wegen des Streits mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) über die deutsch­-deutsche Währungsunion aufgegeben, ­­Weber wegen Kritik am Kurs der EZB in der Staatsschuldenkrise.

Banken-Präsident und Deutsche Bank-Chef Christian Sewing nennt Weidmann „einen starken Präsidenten“, dessen Stimme in der Geldpolitik auch international hoch geachtet sei. Von einem herben Verlust spricht Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Weidmann gehöre zu den wenigen Mahnern im Rat, die kontinuierlich vor einer Überforderung der Geldpolitik und einer zu großen Nähe zur Fiskalpolitik warnten. Commerzbank-Chef-Volkswirt Jörg Krämer vermutet, dass Weidmann wohl auch zurücktrete, weil er sich im EZB-Rat mit seinen Vorstellungen häufig nicht durchsetzen konnte.

Optionen für die Nachfolge

Die Bundesregierung muss den Posten neu besetzen. Vize-Präsidentin Claudia Buch wäre eine Option. Holger Schmieding, Chef-Ökonom der Berenberg­-Bank, bringt EZB-Direktorin Isabel Schnabel ins Gespräch. Sie vertrete allerdings den „Mainstream“. Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung warnt vor einer solchen Entscheidung: „Wenn Deutschland eine geldpolitische Taube in den EZB-Rat schicken würde, wäre das fatal.“ Commerzbank-Ökonom Krämer erwartet dies: „Eine neue Bundesregierung wird wohl kaum einen Bundesbankpräsidenten berufen, der im EZB-Rat wieder im Gegensatz zur Mehrheitsmeinung steht.“ otr

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Erstellt:
21. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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