Bildung

Rausschmiss aus dem Netz

Viele Schulen in Baden-Württemberg bangen um ihre digitale Infrastruktur. Das Hochschulnetz Belwü hat angekündigt, sie künftig nicht mehr zu versorgen. Und nun?

04.05.2021

Von AXEL HABERMEHL

Läuft über Belwü: Die Software „Moodle“ ist an vielen Schulen für den Fernunterricht unverzichtbar. Foto: Uli Deck/dpa

Oliver Hintzen ist verärgert. „Wenn die das wirklich machen, ist das eine maximale Unverschämtheit“, sagt der Leiter der Johann-Belzer-Schule, einer Grund- und Werkrealschule in Weisenbach (Landkreis Rastatt). „Das wird viele Schulen, gerade kleine Grundschulen, vor riesige Probleme stellen.“

Was Hintzen, der auch als Vize-Landesvorsitzender der Lehrerorganisation VBE (Verband Bildung und Erziehung) amtiert, so aufregt, ist eine Mail, die am Freitag bei hunderten Rektoren, Verantwortlichen und IT-Administratoren von Schulen einging. Hintzen fürchtet seit der Lektüre um Internetanbindung und E-Mail-Konten seiner Schule. Und damit ist er nicht alleine.

Absender der Nachricht, über die als erstes „heise.de“ berichtete, war Belwü, das Hochschulnetz des Landes. Die Techniker teilten mit, dass Belwü seine Dienstleistungen für Schulen einstelle. Rund 2000 Schulen sollen das Netz verlassen. Damit stehen ihre Internetzugänge, Webseiten, E-Mail-Konten, Server für das Lernmanagementsystem Moodle, aber auch Wikis, Foren und Cloudspeicher in Frage.

Das dem Wissenschaftsministerium nachgeordnete Hochschulnetz nehme keine neuen Schulen mehr auf und werde im Oktober beginnen, Dienste einzustellen. Für E-Mail- und Moodle-Dienstleistungen solle ein zentraler Ersatz gefunden werden. Letztlich soll das gesamte Schul-Geschäft bis 2023 beendet werden.

Die betroffenen Schulen müssen sich nun Gedanken über ihre digitale Infrastruktur machen und neue Anbieter suchen.

Ausgangspunkt der Entscheidung, heißt es in der Belwü-Mail, seien „veränderte rechtliche Rahmenbedingungen (u. a. Vergaberecht, Steuerrecht)“. Zudem werde eine „langfristige Perspektive für einen gesicherten Betrieb“ benötigt. Diese könnten Kultus- und Wissenschaftsministerium „aus verschiedenen Gründen nicht verlässlich dauerhaft erbringen“.

Der aktuelle Zustand gefährde „die primären Dienste im hoheitlichen Bereich von Belwü, also die Konnektivität der Universitäten und Hochschulen auf internationalem Leistungsniveau“. Daher habe das Wissenschaftsministerium bereits 2019 einen Transformationsprozess angestoßen.

Davon aber hörten viele betroffene Schul-Verantwortliche zum ersten Mal. Für sie kam der Schritt überraschend. Es entstanden aufgeregte Debatten in Internetforen und sozialen Medien, mit Spekulationen über die Hintergründe des Schritts.

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) teilte derweil mit, es werde an einer langfristigen Lösung für die Schulen gearbeitet. Bis diese stehe, sei „die Versorgung der Schulen mit IT-Leistungen über das Hochschulnetz sicher“.

Vieles deutet daraufhin, dass der Aufwand, den die Schulen verursachten, spätestens seit Beginn der Pandemie und dem damit einhergehenden Digitalisierungs-Schub in keinem Verhältnis mehr zum Umsatz in dem Bereich steht. Das Kultusministerium beteiligt sich nur mit wenig Personal und geringen Mitteln an dem Netz, das im Kern eben für Hochschulen zuständig ist.

Oppositionspolitiker und Lehrerverbände reagierten verärgert. „Unsere Schulleitungen sind am Limit. Ihnen jetzt auch noch so etwas wie die Suche nach einem eigenen Anbieter für die Schul-Homepage aufzudrücken (…) zeugt von einem unglaublichen Mangel an Sensibilität für die Situation an den Schulen“, sagte SPD-Schulpolitiker Stefan Fulst-Blei. „Es kann nicht sein, dass sich Tausende von Schulen im Land für ihre Webauftritte neue Anbieter suchen müssen sowie Mailkonten oder digitale Lernplattformen auf eine unbekannte zentrale Plattform ohne Zeitplan verlagert werden“, erklärte AfD-Fraktionschef Bernd Gögel. Die FDP kündigte einen Antrag an, um den Vorgang vom Parlament untersuchen zu lassen.

Kommentar

Zum Artikel

Erstellt:
4. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Mai 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App