Urteil

Sieg der Fischer-Frau

Gleichberechtigung geht über diskriminierende Vereinstradition. 56-Jährige aus Schwaben darf nun mit den Männern in den Stadtbach springen.

29.07.2021

Von PATRICK GUYTON

Männer stehen beim Memminger Fischertag zum Ausfischen mit ihren Keschern im Stadtbach. Das Spektakel fand zuletzt 2019 statt. Foto: Fotos: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Memmingen. Die Zeit ist vorbei, das müssen die im Verein endlich mal begreifen“, sagt Karl Renz nach dem Urteil draußen vor dem Memminger Landgericht. „Frauen dürfen auch schon lange wählen und müssen nicht mehr den Mann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollen.“ Der 86-Jährige, ein Memminger Urgestein, hat beste Laune. Denn eben hat seine Tochter (56) einen Gerichtsprozess gewonnen, der in der Allgäuer Stadt hohe Wellen schlägt: Christiane Renz ist an diesem Mittwochvormittag vom Gericht bestätigt worden, dass sie als Frau beim traditionellen Fischertag auch mit in den Stadtbach springen und „ausfischen“ darf. Sie sagt: „Ich freue mich einfach nur, dass ich dieses Recht für die Frauen durchgesetzt habe.“ Ausdrücklich lässt das Gericht allerdings eine Revision beim Bundesgerichtshof zu.

Eine diskriminierende Vereinstradition oder Gleichberechtigung – was wiegt mehr? Der Präsident des Landgerichts, Konrad Beß, hat diesen Prozess gleich selbst an sich genommen. „Ein denkwürdiges Verfahren“ nennt er es. Vom Amtsgericht Memmingen hatte Christiane Renz Recht bekommen. Doch der für den Fischertag – ein feucht-fröhliches Feier-Wochenende – zuständige Fischertagsverein wollte das nicht auf sich sitzen lassen und ging in Berufung.

Die Tierärztin Christiane Renz hat sich mit einem omnipotenten, mit dem mächtigsten Verein in Memmingen angelegt. Unterstützt wurde sie von der auf Anti-Diskriminierungsverfahren spezialisierten Rechtsanwältin Susanne Bräcklein aus Berlin sowie der „Gesellschaft für Freiheitsrechte“. Der Verein hat 5000 Mitglieder, und die Organisation und der Ablauf des Fischertags Ende Juli ist ihm eine ernsthafte, ja heilige Aufgabe.

30 000 bis 40 000 Besucher kommen zu dem Fest. Der Verein hat ganze 37 Untergruppen, die für das genau ausgetüftelte Programm zuständig sind. Überall können Frauen mitmachen – nur bisher nicht in der Gruppe der Stadtbachfischer. Das sind jene, die zum Ausfischen in den Stadtbach springen und Forellen fangen. Wer die dickste erwischt, wird Fischerkönig des Jahres – eine unschätzbare Ehre für viele Memminger. Alle bisherigen Fischerkönige sind auf der Vereinshomepage in den Annalen veröffentlicht – mit Alter, Fischer-Spitzname und Gewicht der Forelle.

Bis ins Jahr 1465 reicht die Tradition zurück, da war der Stadtbach eine Latrine. Fäkalien und Müll landeten darin. Einmal im Jahr wurde das Wasser, eine schmutzige Brühe, abgelassen und der Kanal gereinigt. Um die Fische darin nicht verkommen zu lassen, holte man sie raus. 1900 gründete sich der Fischertagsverein, um die Tradition aufleben zu lassen und ein Fest daraus zu machen. Und im Jahr 1932 wurden Frauen per Satzungsänderung vom Ausfischen ausgeschlossen.

Keine gütliche Einigung

Richter Beß hatte in der Verhandlung im Juni eine gütliche Einigung gesucht, doch die war mit beiden Parteien nicht zu haben. Er wusste, dass er mit einem Urteilsspruch entweder den Verein mit seiner immensen Bedeutung für Memmingen vor den Kopf stößt – oder die konservativ geprägte Stadt deutschlandweit an den Pranger gestellt wird, in der sogar Gerichte Diskriminierung für zulässig erklären. Es gebe „keinen sachlichen Grund“, Christiane Renz vom Ausfischen auszuschließen, meint er. Auf die Tradition könne sich der Verein nicht berufen, denn diese wurde im Laufe der Jahre auch an anderer Stelle sehr aufgeweicht. So werden beim Ausfischen etwa kaum mehr traditionelle Kostüme getragen, und beim ebenfalls von dem Verein organisierten Wallensteinfest tragen Frauen auch Männer-Kostüme und spielen Männerrollen.

Christiane Renz war die Klägerin im Fischertagsprozess. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

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Erstellt:
29. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Juli 2021, 06:00 Uhr

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