Schauspielerin

Stark und verletzlich

Sie machte eine Hollywood-Karriere und war die Mona in „Kir Royal“: Senta Berger feiert ihren 80. Geburtstag – mit dem TV-Film „An seiner Seite“.

07.05.2021

Von JÜRGEN KANOLD

Die lebenskluge Frau, die alles spielen kann: Senta Berger in ihrem neuen TV-Film „An seiner Seite“. Foto: ZDF/Torsten Eifler

Ulm. Mit 16 schnitt sie sich für einen Sophia-Loren-Wettbewerb mit der Schere einen tiefen V-Ausschnitt in den braven Rollkragenpullover, später nannte man sie auch „die Marilyn Monroe Wiens“. Jedenfalls machte Senta Berger als außergewöhnliche Schönheit schnell Karriere. Aus dem Max-Reinhardt-Seminar, der Schauspielschule, flog sie, weil sie in dem Film „The Journey“ mit Yul Brynner frech eine Rolle übernommen hatte. Und schon winkte Hollywood: Richard Widmark, John Wayne, Kirk Douglas („Der Schatten des Giganten“), Dean Martin oder Frank Sinatra wurden Filmpartner. Oder wie jetzt ihr junger deutscher Kollege Florian David Fitz in der ZDF-Doku „An ihrer Seite – Weltstar Senta Berger“ schwärmt: „Sie ist eine der wenigen Schauspielerinnen, die wirklich Geschichten aus Hollywood zu erzählen haben, nicht nur: Ich war mal drüben und keiner wollte mich.“

Auch von sexuell übergriffigen Produzenten und Schauspielern kann Senta Berger berichten. Von den Weinsteins im Filmgeschäft wusste sie schon vor „MeToo“, 2006 schrieb sie davon in ihren Memoiren „Ich habe ja gewusst, dass ich fliegen kann“. Kürzlich sprach sie in einem Interview mit der „Zeit“ darüber, wie O.W. Fischer sie 1961, da war sie 20, bei den Dreharbeiten von „Es muss nicht immer Kaviar“ versucht habe zu vergewaltigen.

„Weltstar“ ist ein großes Wort, aber Senta Berger war tatsächlich als eine der wenigen deutschsprachigen Schauspielerinnen im internationalen Kino präsent. Und konnte und kann weit mehr, als nur ihr Gesicht (und mehr) neben Hollywood-Helden in die Kamera halten. „So kurz sind 80 Jahre, aha! Das habe ich gar nicht bedacht“, sagt Senta Berger in ihrer typischen, klugen, leicht verträumten Senta-Berger-Nachdenklichkeit. Und bilanziert: „Ganz schön viel gemacht.“ Ihren 80. feiert die Wienerin, die in München lebt, am 13. Mai.

Neben dieser Familienalbum-Doku zeigt das ZDF aus diesem Anlass auch den neuen Fernsehfilm „An seiner Seite“ von Felix Karolus. Senta Berger spielt die Frau eines Weltklasse-Dirigenten (Peter Simonischek), die mit ihm nach München zurückkehrt, wo die alleinerziehende Tochter lebt, die ihr vorwirft, als Mutter versagt zu haben.

Die Hollywood-Karriere: Senta Berger 1966 mit Kirk Douglas in „Der Schatten des Giganten“. Foto: imago images/Mary Evans

Die Grande Dame

Eine ersehnte, eine schwierige Heimkehr. Nur hat Charlottes Mann wieder ein Angebot von der Met in New York, was er verschweigt, und eine junge Pianistin reizt ihn auch. Aber da macht sie die Bekanntschaft mit einem ehemaligen Bademeister aus Thüringen (Thomas Thieme). Grünwald-Großbürgerin trifft, sehr herzlich, Vorstadt-Witwer. Charlotte, die ehelich immer „an seiner Seite“ stand wie eine persönliche Assistentin, denkt jetzt über ihr eigenes Leben nach.

Es ist ein Kammerspiel, das in großer Ruhe eine sehr einfache Botschaft erzählt: einander sehen, zuhören, das zählt in jeder Beziehung. Und wenn es eine Grande Dame des deutschen Fernsehens gibt, dann ist es Senta Berger: ein feines Changieren aus strenger Lebensklugheit, weiblicher Souveränität und angedeuteter Hilflosigkeit samt nostalgischem Blick und kindlich staunender Neugierde. Ausgespielt in allen Nuancen.

Senta Berger war am Drehbuch beteiligt. Sie selbst freilich hatte zwar ein Hollywood-Laufbahn als Fräuleinwunder, stand nach ihrer Heirat 1966 aber gewiss nicht „an der Seite“ ihres Mannes Michael Verhoeven. Der promovierte Mediziner, Schauspieler und Regisseur wiederum sonnte sich mit ihr nicht im Jetset. „Das gegenseitige Verständnis ist die große Klammer unserer Ehe“, sagt seine Frau. Sie gründeten etwa die Produktionsfirma Sentana und brachten wichtige Filme über den Nationalsozialismus, „Die Weiße Rose“ (1982) und „Das schreckliche Mädchen“ (1990), ins Kino. Politische Bekenntnisse spielte Senta Berger nicht nur: Sie protestierte gegen den Vietnam- und den Golfkrieg, beteiligte sich 1971 an der Aktion „Wir haben abgetrieben“.

Es war Helmut Dietl, der sie fürs deutsche Fernsehen neu entdeckte. In „Kir Royal (1984-1986) spielte sie die herrliche Mona, die Freundin des Klatschreporters Baby Schimmerlos, die von ihm ewig übersehene Diva. Sie war auch die „schnelle Gerdi“, eine ordinär selbstbewusste Taxifahrerin. Oder die unbestechliche, immer auch melancholische Kriminalrätin Prohacek in der ZDF-Serie „Unter Verdacht“. Eine ihrer besten Rollen: Senta Berger, die starke, die verletzliche Frau, die ihren Weg geht, nicht vom Zeitgeist bestimmt.

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Erstellt:
7. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Mai 2021, 06:00 Uhr

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