Streamingportale

TV-Revolution auf Abruf

Netflix, Disney+ & Co. investieren Milliarden und liefern sich einen harten Wettbewerb. Warum der Fernsehmarkt aus den Fugen gerät.

18.10.2021

Von Wilfried Urbe

Ulm. Gerade ist die weltgrößte Fernsehmesse der Welt, die Mipcom in Cannes, zu Ende gegangen. Wie nirgendwo sonst wurde dort klar, wieviel Geld Sender und Portale aktuell in den Markt schießen, um sich mit immer mehr Angeboten zu überbieten. Allerdings: Während die Pandemie die Video- und TV-Nutzung weltweit gesteigert hat, waren die Produktionsbedingungen im Jahr 2020 erschwert: Projekte mussten verschoben werden, Sicherheitsmaßnahmen oder Quarantänebedingungen beeinträchtigten die Drehs. Trotzdem herrscht in der Branche weiterhin Goldgräberstimmung.

„In 2020 haben wir schon überlegt, wie weit kommen wir“, blickt Nicole Agudo Berbel zurück. Das Mitglied aus der Führungsriege von ProsiebenSat.1 ergänzt: „Hätte die damalige Situation länger angedauert, wäre das zu einem ernsthaften Problem für uns geworden.“ Zudem sei nicht klar gewesen, was aus den USA kommt. „Der Start vieler Kinofilme beispielsweise wurde ja geschoben.“

Jetzt wird der Wettbewerb wieder härter ausgetragen und erreicht neue Dimensionen. Netflix etwa führt seine beeindruckende Einkaufstour fort: Nachdem der Streaming-Pionier einen Vertrag mit der Roald Dahl Story Company über die Lizenzierung von 16 Titeln abschloss, dessen Gesamtproduktionsbudget sich auf eine Milliarde Dollar beläuft, sichert sich Netflix nun die kompletten Rechte am Werkkatalog des britischen Schriftstellers. Für noch mehr Furore sorgte in den deutschsprachigen Ländern die Ankündigung, in den kommenden drei Jahren 500 Millionen Euro für lokale Inhalte zu investieren. Offiziell frohlockt die hiesige Medienbranche darüber. Bereits in den vergangenen drei Jahren hatte Netflix mehr als 250 Millionen Euro für 40 eigene Titel aufgewendet.

Aber auch die Konkurrenz bleibt aktiv. Disney, Amazon und andere Videoportale geben mehr denn je aus, um Inhalte für die zahlende Kundschaft zu produzieren. Dazu kommen die traditionellen Anbieter, die angesichts des sich rapide verändernden Medienkonsums ihre eigene Strategie umstellen wollen und müssen. RTL etwa beginnt zum Start des Portals „RTL+“ eine in der Sendergeschichte noch nie dagewesene Offensive im fiktionalen Bereich und stellte der internationalen Käuferschaft an der Cote D'Azur gleich drei aufwändige Serien vor: „Sisi“, „Torstraße 1“ und „Glauben“.

Kostspielige Formate

Das Budget für diese Serien liegt im zweistelligen Millionen Euro Bereich. „Faking Hitler“ und „Der König von Palma“ sind weitere Produktionen, die bald zu sehen sein werden. RTL-Chef Henning Tewes kündigte in Cannes an, der wichtigste Streaminganbieter Deutschlands werden zu wollen. Insgesamt investieren die Kölner, genau wie die Münchener Konkurrenz ProSiebenSat.1, jeweils rund eine Milliarde Euro für sämtliche Programme, die sie ausstrahlen.

Agudo Berbel schaut allerdings mit einer gewissen Skepsis auf die Entwicklung: „Was die Serien angeht, muss man schauen, ob da nicht irgendwann auch ein Sättigungsgrad erreicht ist.“ Streamingportale hätten inzwischen ein immenses Angebot aufgebaut. Neben der Frage, wer das alles noch schauen soll, stellt sich auf Anbieterseite die Frage, wer die kostspieligen Formate überhaupt noch bezahlen kann. Noch kein Streamingdienst kann schwarze Zahlen vorweisen. Netflix etwa hatte Ende des Jahres 2020 Verbindlichkeiten von mehr als 15 Milliarden Dollar.

Im Grunde herrscht aktuell ein brutaler Verdrängungswettbewerb. Jeder Anbieter setzt darauf, dass einigen im Verlauf des Wettbietens die Luft ausgeht und diese von größeren übernommen werden. Ein Altmeister des internationalen Programmhandels ist Jan Mojto, Geschäftsführer von Beta Film, ehemals Vertrauter von Leo Kirch. Seine Prognose: „Es wird zu einer Marktbereinigung kommen.“

Zum Artikel

Erstellt:
18. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App