Berlinale

War da was?

Mit Auszeichnungen für Rumänien, Japan und Deutschland endet das Online-Filmfestival. Richtig geglückt war das Experiment nicht.

06.03.2021

Von CHRISTINA TILMANN

Allein zu Hause: Berlinale-Direktor Carlo Chatrian chattet mit der Jury bei der Online-Preisverleihung. Foto: Christina Tilmann

Berlin. Salomonisch nennt man Entscheidungen, wenn aus ungünstigen Ausgangspositionen das Beste gemacht wurde. Die sechsköpfige Berlinale-Jury, die in diesem seltsamen Unter-Ausschluss-der-Öffentlichkeit-Online-Corona-Festival immerhin das Glück hatte, die Filme gemeinsam in einem realen Kino sichten und darüber diskutieren zu können, hat sich mit ihrer Entscheidung dezidiert für die Gegenwart, für die drängenden politischen und sozialen Fragen und für klare Handschriften entschieden. Sie hat vieles, was speziell, abseitig oder zu klein gedacht war, ignoriert – und das allzu Naheliegende, nämlich Dominik Grafs kraftvolle Literatur- verfilmung von Erich Kästners „Fabian“, leider auch.

Goldener Bär für Rumänien

Der Goldene Bär für Radu Judes „Bad Luck Banging Or Loony Porn“ ehrt einen Film, der mit Furor, Komik und Überzeichnung das heutige Rumänien in seiner ganzen Zerrissenheit zeigt. Eine engagierte Lehrerin, die dummerweise ein privates Liebesspiel mit ihrem Mann gefilmt hat, das auf YouTube gelandet ist, erwartet ein Tribunal der aufgebrachten Eltern, in dessen Folge alles an die Oberfläche gespült wird, was besser nicht laut gesagt wird: Antiziganismus, Antisemitismus, Militarismus, Heuchelei, Misogynie … und das so böse, so überzeichnet, so urkomisch, dass man beständig schwankt zwischen Lachen und Fassungslosigkeit. Formal überzeugend in einem dreiteiligen Aufbau zwischen Stadtspaziergang, Didaktik-Teil und Standgericht, hat man mit diesem Film vor allem auch: viel Spaß.

Und auf der anderen Seite Maria Speths dreistündige Langzeitdokumentation aus dem Schulalltag, „Herr Bachmann und seine Klasse“: Sozialkino voller Geduld, voller Respekt vor diesem engagierten Pädagogen und dem Weg, den er seiner bunt gemischten Schülerschar ins Leben weisen will. Das ist zu Corona-Zeiten, wo alle Fernunterricht-Geplagten schmerzlich spüren, wie eminent wichtig Schule für Kinder ist, der richtige Film zur richtigen Zeit.

Ebenfalls herausragend Maria Schraders sehr nahe Zukunftsvision „Ich bin dein Mensch“ mit der Frage, ob Beziehungen künftig besser von perfekten Robotern als von fehlbaren Menschen übernommen werden. Die Schauspielerin Maren Eggert wurde als zweifelnde Wissenschaftlerin Alma mit dem Silbernen Bären für die beste Hauptrolle geehrt. Berlin zwischen Pergamonmuseum und Leipziger Straße spielt eine schöne Nebenrolle.

Das sind starke Filme, die ihren Weg ins Kino finden werden, wenn denn die Kinos endlich wieder öffnen – und auf der außergewöhnlichen Sommerberlinale dann hoffentlich auch ihr Publikum mit Festivalflair. Bei den zarten, kleinen Filmkunstperlen wie Hong Sangsoos Sangsoos elegischer Schwarz-Weiß-Etüde „Introduction“ (bestes Drehbuch) oder Ryusuke Hamaguchis an Eric Rohmer erinnerndes Dreifach-Beziehungsdrama „Wheel Of Fortune And Fantasy“ (Großer Preis der Jury) kann man da nicht mehr so sicher sein. Erst recht nicht bei dem vielem vielen Filmkünstlerischen und Experimentellen, das diese Online-Berlinale insbesondere in den Nebenreihen einschließlich der von Carlo Chatrian neu eingeführten Reihe „Encounters“ eben auch bereithielt.

Ein Plädoyer für das Kino als kraftvolles Populärmedium, als lebendige Traumfabrik war diese Berlinale nicht, vielmehr ein Experiment im geschlossenen Raum. Dass sie auch Festival können, müssen die Macher im Sommer dringend beweisen.

Beste Hauptrolle: Alma (Maren Eggert) testet Tom (Dan Stevens) in Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“. Foto: Christine Fenzl

Bester Film: Katia Pascariu als angeklagte Lehrerin in „Bad Luck Banging Or Loony Porn“ von Radu Jude. Foto: Silviu Ghetie/microFilm

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Erstellt:
6. März 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. März 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. März 2021, 06:00 Uhr

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