Stuttgart

Nach Wirecard-Skandal: EY wechselt Deutschland-Chef aus

Der Wirtschaftsprüfer EY steht im Skandal um den früheren Dax-Konzern Wirecard in der Kritik, weil er den mutmaßlichen Milliardenbetrug offenkundig nicht bemerkte. Der Imageschaden ist enorm - nun muss der Deutschland-Chef seinen Posten räumen.

25.02.2021

Von dpa

Das Logo von Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit dem Kürzel EY in der Friedrichstraße. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Stuttgart. Die vom Wirecard-Skandal schwer erschütterte Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) wechselt ihre Deutschland-Spitze aus. Hubert Barth, seit 2016 Vorsitzender der Geschäftsführung des in Stuttgart ansässigen Deutschland-Ablegers von EY, werde künftig eine neue Aufgabe „auf europäischer Ebene“ übernehmen, hieß es am Donnerstag in einer Mitteilung.

Zu Gründen von Barths Abberufung äußerte sich das Unternehmen nicht im Detail. Mehrere Medien berichteten, der Abgang sei auch eine Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal. EY ließ das unkommentiert, teilte aber mit, man sei sich des Vertrauensverlustes bewusst, der dadurch entstanden sei: „Es ist oberste Priorität von EY, zur Aufklärung des Falles Wirecard beizutragen und verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen.“

EY hatte die Bilanzen des mittlerweile insolventen Zahlungsdienstleisters von 2009 bis 2018 geprüft und abgesegnet - lediglich für den Abschluss des Geschäftsjahres 2019 verweigerte die Gesellschaft das Testat. Laut Münchner Staatsanwaltschaft waren die Wirecard-Bilanzen aber spätestens seit 2015 manipuliert.

EY ist nun mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht genau genug geprüft und den mutmaßlichen Milliardenbetrug offenkundig nicht bemerkt zu haben. Das führte zu einem erheblichen Imageschaden und dem Verlust von Kunden. So kehrte beispielsweise die Commerzbank ihrem bisherigen Wirtschaftsprüfer zuletzt den Rücken. Zudem drohen EY Schadenersatzklagen in erheblichem Umfang.

Barths Nachfolge treten Henrik Ahlers, bisher schon Mitglied der Geschäftsführung, und Jean-Yves Jégourel als Doppelspitze an. Die Amtsübergabe erfolgt nach EY-Angaben allerdings nicht sofort, sondern erst zum 1. Juli - in mehr als vier Monaten.

Auch im Bundestags-Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal dürfte es für EY unangenehm werden - Mitarbeiter des Wirtschaftsprüfers werden demnächst dort aussagen müssen. Lange hatten sie auf ihre Schweigepflicht als Wirtschaftsprüfer verwiesen - doch nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs von Mitte Februar steht einer Befragung nichts entgegen. „Jeder vom Untersuchungsausschuss als Zeuge geladene EY-Mitarbeiter kann nun zur Abschlussprüfung bei Wirecard vor dem Untersuchungsausschuss aussagen“, hieß es. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur sollen EY-Mitarbeiter voraussichtlich am 19. März erneut geladen werden, darunter soll dann auch Barth sein.

Der Druck auf EY im Untersuchungsausschuss sei zuletzt deutlich gestiegen, sagte der SPD-Finanzpolitiker Jens Zimmermann der Deutschen Presse-Agentur. Abgesehen von dem Gerichtsurteil habe der Ausschuss mittlerweile auch Zugang zu umfangreichen Akten erhalten. „Es ist davon auszugehen - nach all dem, was wir jetzt schon wissen -, dass da noch weitere Dinge zu Tage treten werden.“ Der Finanzpolitiker der Linken, Fabio De Masi, mutmaßte: „Da haben sich ein paar Leute offensichtlich strafbar gemacht!“ Die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe äußerte die Hoffnung, dass mit Barths Abgang „endlich der Weg frei für den Aufklärungswillen“ sei.

EY ist eine der umsatzstärksten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt und beschäftigt insgesamt rund 300 000 Menschen, davon etwa 11 000 in Deutschland. Abseits der Wirtschaftsprüfung ist die Unternehmensberatung - beispielsweise in Steuer- oder Rechtsfragen - das zweite wichtige Geschäftsfeld. Formal besteht die in London ansässige internationale EY-Dachorganisation aus rechtlich selbstständigen und unabhängigen Unternehmen, eines davon ist die in Stuttgart sitzende Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

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Erstellt:
25. Februar 2021, 14:18 Uhr
Aktualisiert:
25. Februar 2021, 15:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2021, 15:30 Uhr

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