Bildband

Angela Merkel: Spuren der Müdigkeit

Herlinde Koelbl (82) zählt zu den großen deutschen Fotokünstlerinnen. Jetzt hat sie ein besonderes Projekt abgeschlossen: Zwischen 1991 und 2021 porträtierte sie regelmäßig Angela Merkel.

25.11.2021

Von Jürgen Kanold

Die junge Ministerin aus dem Osten: Angela Merkel 1991.

Ulm. Eine Frage an Angela Merkel: „Haben Sie manchmal die Befürchtung, dass das Amt Sie demoliert?“ – „Ja, die habe ich ständig. Ich habe die Befürchtung, dass am Ende der Hohn der Gesellschaft größer ist, als wenn ich gar nichts getan hätte.“ Nein, so schlimm ist es dann nicht gekommen.

Es ist die Antwort, die eine 37-jährige Physikerin gegeben hat, die nach der Wende in die Politik gegangen war, 1991 als „Kohls Mädchen“ die dringend gesuchten Qualifikationsmerkmale „Frau aus dem Osten“ aufweisen konnte und überraschend CDU-Bundesministerin wurde für Frauen und Jugend. Der Rest ist Geschichte: Angela Merkel stieg unaufhaltsam auf zu einer der mächtigsten Politikerinnen der Welt. Jetzt geht diese Ära zu Ende – eindrucksvoll dokumentiert wird sie in einem fantastischen Bildband der Fotokünstlerin Herlinde Koelbl, die auch eine sympathisch bohrende, sehr neugierige Interviewerin sein kann.

Seit drei Jahren Bundeskanzlerin – 2008.

Koelbl, mittlerweile 82, hat immer wieder für Aufsehen gesorgt mit großen Projekten, „Spuren der Macht“ hieß eines davon. Die Fotografin begann die Langzeitstudie 1991: Sie wählte 15 Gesprächspartner aus, darunter Joschka Fischer und Gerhard Schröder, die gerade ein hohes öffentliches Amt erreicht hatten. Angela Merkels Kraft und Eigenwilligkeit waren der Fotografin aufgefallen, deshalb war auch sie dabei. Aber dann hatte Koelbl das Privileg, diese Politikerin mit Unterbrechungen noch viel länger begleiten zu dürfen, 30 Jahre lang, bis zuletzt.

Spuren der Macht – 2021. Fotos: Herlinde Koelbl

Eindrucksvolle Schwarzweißporträts ohne Schnickschnack, ohne Symbole: Merkel schaut direkt in die Kamera (eine Hasselblad, immer die gleichen Objektive), und zwar vor weißem Hintergrund. Wie stark die Politik und überhaupt die Zeitläufte Angela Merkel gezeichnet haben? Da ist zunächst mal eine Frau, der Eitelkeit völlig abgeht, schlichtweg alt geworden.

Wie unter einer Tarnkappe habe Angela Merkel in den ersten Jahren ihrer politischen Laufbahn in der stark von Männern dominierten Welt agiert, erinnert sich Koelbl: „Die bemerkten nicht ihren Ehrgeiz, unterschätzten sie, nahmen sie manchmal nicht ernst. Sie witterten keine Gefahr.“

Angela Merkel und Herlinde Koelbl, 2021. Foto: Bundesregierung/Steffen Kugler

Merkel aber wurde 2005 Bundeskanzlerin und blieb es, bis sie sich nicht mehr zur Wahl stellte: „Die Spuren der Jahre werden sichtbar, auch die Müdigkeit. Aus den Augen entschwand das Leuchten. Die Lebendigkeit im Körper wich langsam mehr dem Statischen“, schreibt Koelbl. Kein Wunder: Was Merkel erlebte, meistern musste, was ihr gelang, was ihr misslang, listet der Journalist Nico Fried in einer Chronik auf.

Ein Fotoband ist das, deutsche Geschichte – und eine Biografie. Die Interviews, die Koelbl mit Merkel bis 1998 führte, zeigen eine Politikerin ganz privat. Auch das, Spuren einer bald Mächtigen. Eine Frage von 1991: Ob sie sich vorstellen könnte, ein Kind zu haben? „Ein Kind würde nach meinem Verständnis bedeuten, dass ich die Politik aufgebe. Das ist aber zurzeit kein Thema. Vielleicht wird es auch keines mehr.“

Die Kanzlerin und ihre Fotografin

Herlinde Koelbl, 1939 in Lindau geboren, hat ein großes Werk an Fotokunst geschaffen, arbeitete aber für ihre Langzeitprojekte immer auch journalistisch und ergänzte ihre Bücher durch tiefgehende Gespräche und Videos. Mehr als ein Dutzend Fotobücher hat sie publiziert, darunter „Targets“ und „Spuren der Macht“.

In dem Band über Angela Merkel sind auch Essays von Christopher Clark und Kristina Spohr sowie George Packer und Christoph Stölzl abgedruckt. Infos online: www.taschen.com

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Erstellt:
25. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. November 2021, 06:00 Uhr

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