Jazz

Ein Leben lang dem eigenen Ton gefolgt

Rolf Kühn (91), Weggefährte des „King of Swing“ Benny Goodman, spielt in Schwäbisch Hall ein wildes Konzert.

23.07.2021

Von ULRICH RÜDENAUER

Der Klarinettist Rolf Kühn beim Jazz-Art-Festival am Mittwoch. Foto: Ufuk Arslan

Der Jazz kennt viele Mythen und noch mehr Anekdoten. Eine geht so: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der 17-jährige Klarinettist Rolf Kühn in einem Leipziger Lokal und begegnete dort der Kunststudentin Jutta Hipp. Sie hörte, dass der junge Mann Talent hat, aber noch ein wenig Nachhilfe in Sachen Swing braucht. Also spielte sie ihm eine Platte vor: Benny Goodmans „Hallelujah“, ein fließendes, vollendetes Spiel, nicht ganz von dieser Welt. Rolf Kühn wusste von diesem Moment an, wo es hingehen sollte. Und dass er seinen eigenen Ton finden musste.

1956 zog es ihn nach New York. Kühn setzte sich in diesem Haifischbecken der Talentiertesten durch. Er wurde vom Fachblatt Downbeat zum besten Newcomer gekürt und von Benny Goodman höchstpersönlich engagiert. Zwei Jahre spielten sie zusammen, wurden Freunde.

Es war der Anfang einer langen, produktiven Karriere, die den heute 91-jährigen Kühn durch die Welt führte und mit den wichtigsten Musikern seiner Zeit zusammenbrachte. Mit Giganten wie Tommy Dorsey, Ornette Coleman, Jimmy Garrison oder Lee Konitz. Mit seinem jüngeren Bruder Joachim, der als der international einflussreichste deutsche Jazzpianist gilt, hat er Aufnahmen gemacht. Berührungsängste kannte er nie, Genre-Grenzen ignorierte er.

All das hat man bei Kühns Auftritt mit seinem aktuellen Quartett zum Auftakt des „Jazz-Art-Festivals“ in Schwäbisch Hall im Kopf. Eigentlich hätte er schon 2020 zu Gast sein sollen. Für jemanden, der seit 75 Jahren Konzerte gibt, dürfte so eine von einer Pandemie erzwungene Auszeit schwer wiegen. Vom ersten Moment an ist bei Rolf Kühn mit seinen 91 Jahren die Freude spürbar, endlich wieder mit seiner Band – Frank Chastenier am Piano, Lisa Wulff am Bass, Tupac Mantilla am Schlagzeug – vor Publikum spielen zu können. Vor drei Jahren hat er mit diesen versierten Musikern das Album „Yellow + Blue“ eingespielt, eine Mischung aus Klassikern und Eigenkompositionen. Letztere dominieren an diesem Abend in der Haller Hospitalkirche, den der ausgesprochen herzliche Kühn als „wildes Konzert“ ankündigt.

Untrügliches Gespür

Die Wildheit zeigt sich vor allem in seinem noch immer sehr frischen, eleganten, wandlungsfähigen Ton. Er kann sich melancholisch färben, dann wieder kraftvoll auftrumpfen und scharf in die Höhen schießen. Selbst in den abstrakteren, durchkomponierten Stücken dieses Abends ist bei Kühn das Grundgefühl für den Swing lebendig, das untrügliche Gespür für Phrasierung und Rhythmus, das sich auf keiner Musikhochschule lernen lässt. Nicht nur, aber gerade auch in den intimen Momenten, zeigt sich das – in kurzen Duett-Passagen mit Bassistin Lisa Wulff oder beim rasanten Dialog zwischen Klarinette und Body Percussion, nicht zuletzt bei Joni Mitchells „Both Sides Now“, dem nachdenklich elegischen Encore mit Frank Chastenier. Vielleicht lässt das Set etwas wenig Raum für Überraschungen, für Improvisationen. Aber das macht nichts, denn in jedem Ton ist die von Rolf Kühn erarbeitete Freiheit bereits enthalten, die eigene Stimme, ein immer identifizierbarer Stil. Dass die Klarinette heute im Jazz eher ein Schattendasein führt – an Rolf Kühn liegt es gewiss nicht.

Backstage erzählt Kühn noch von seiner Zeit in New York und von Benny Goodman. „Es gibt ein nettes Bild von uns beiden, wie wir zusammen aufgetreten sind im United Nations Building. Da steht er hinter mir und lässt mich tatsächlich solo spielen, und man sieht sein wohlwollendes Gesicht. Das war sehr nett, muss ich sagen.“ Goodman wusste eben genau, wen er sich da in die Band geholt hatte – einen, der seinen eigenen Weg gehen würde.

Ulrich Rüdenauer

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Erstellt:
23. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2021, 06:00 Uhr

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