Über Karrieren in der Politik

Annette Schavan: „Eine gigantische Anstrengung“

Die Kanzlerinnen-Vertraute Annette Schavan über das Erfolgsgeheimnis von Angela Merkel und den besonderen Zauber langer Nachtsitzungen.

14.09.2021

Von Claudia Kling

Langjährige Weggefährtinnen: Annette Schavan (CDU), hier bei ihrer letzten Rede im Bundestag, Kanzlerin Angela Merkel. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Berlin. Die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan gilt als Freundin und Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel. Im Interview erzählt sie, was die Kanzlerin von anderen Politikern unterscheidet.

Können Sie nachvollziehen, dass Angela Merkel sich freiwillig von der Macht verabschiedet?

Annette Schavan : Das kann ich gut verstehen. Angela Merkel steht ja nicht erst seit 16, sondern insgesamt seit 30 Jahren auf der politischen Bühne. Wer sie kennt, weiß, wie wichtig es für sie ist, mit Blick auf die Macht innerlich unabhängig zu bleiben. Vor allem aber kann ich es menschlich sehr gut verstehen. Eine so lange Kanzlerschaft ist eine gigantische Leistung und Anstrengung.

Gibt es eine spezielle Merkel-Mischung, die sie von anderen unterscheidet?

Angela Merkel selbst hat oft den Satz gesagt: In der Ruhe liegt die Kraft. Dieser Satz gibt viel wieder von dem, was ihre eigene Kraft ausmacht. Sie ist gelassen und gleichzeitig kämpferisch. Sie lässt sich ganz und gar auf die Dinge ein, aber permanente Aufgeregtheit ist ihr komplett fremd. Sie ist an der Macht geblieben, weil es ihr in all den Jahren immer wieder gelungen ist, Vertrauen zu gewinnen, auch bei den großen Themen und Krisen.

In Ihrem Buch „Die hohe Kunst der Politik“, das am Dienstag erscheint, wird von vielen Autoren Merkels unprätentiöser Auftritt und Regierungsstil beschrieben ...

Mehrere internationale Persönlichkeiten, die mit ihr in solchen Runden gesessen haben, schreiben über ihre starken Nerven und die Ruhe, die sie immer bewahrt. Gleichzeitig machte sie in diesen Runden klar: Es wird so lange gerungen, bis es eine wirklich gute Lösung gibt – die berüchtigten, nächtlichen Sitzungen. Im vergangenen Dezember sagte sie einmal den Satz: „Es hat sich gelohnt, nicht ins Bett zu gehen.“ Andere schaudert es bei diesem Gedanken.

Wie stehen Politiker solche Nachtsitzungen körperlich durch?

16 Jahre hält nur durch, wer eine starke Kondition hat. Es erfordert eine innere Bereitschaft, sich diesem Amt mit all seinen Aufgaben und all seinen Komplikationen wirklich zu stellen.

Gute Politik will handwerklich gut gemacht sein

Was macht gute Politiker aus?

Zur guten Politik gehört, es handwerklich gut zu machen. Die Themen zu durchdringen, dabei fair zu sein. Gute Politik ist kein Spiel und keine Show. Gute Politiker suchen nicht den kurzen Effekt, sondern sie bedenken alle Facetten eines Themas und agieren weitsichtig. So kann dieses Vertrauen entstehen, das ich vorher angesprochen habe. Das, was in der Politik entschieden wird, betrifft das Leben von Menschen und Gesellschaften und kann die Entwicklung ganzer Kontinente beeinflussen. Das erfordert Ernsthaftigkeit.

Ist Ernsthaftigkeit auch die Basis, um immer wieder mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sprechen zu können?

Bei schwierigen Gesprächspartnern auf der internationalen Bühne ist es ganz besonders wichtig, ein Interesse am Austausch auch in schwierigsten Situationen zu signalisieren. Auf der anderen Seite erfordern solche Gespräche eine große Klarheit mit Blick auf die eigene Position. Angela Merkel hatte immer den Ansatz, den Dialog fortführen zu wollen, aber sie stand auch klar zu ihren Positionen. Es gab keinen Besuch in China oder Russland, bei dem sie sich nicht für Verfolgte, Aktivisten und Menschenrechte eingesetzt hätte. Diese Klarheit hat ihr bei internationalen Gesprächspartnern Autorität verschafft.

Der Untertitel des Buches lautet: „Die Ära der Angela Merkel“. Was verbinden Sie damit?

Während Angela Merkels Kanzlerschaft hat eine Generation Politik gemacht, die von der deutschen und europäischen Wiedervereinigung geprägt war. Auch in ihrer ersten Regierungserklärung hat die Kanzlerin davon gesprochen, dass die Freiheit die größte Überraschung in ihrem Leben war. Entsprechend leidenschaftlich hat sie dafür gekämpft. Die Generation, die jetzt nachkommt, ist von anderen Transformationsprozessen geprägt, jetzt steht die Digitalisierung im Vordergrund. Junge Abgeordnete, die jetzt starten, haben ein Modernisierungsjahrzehnt vor sich mit neuen Mobilitätskonzepten und Ideen für den ländlichen Raum und die Städte.

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Erstellt:
14. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. September 2021, 06:00 Uhr

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