Börstingen · Zeitreise

Krieg um die Kohlensäure

In Börstingen lag die erste Fabrik, die im Königreich Württemberg Kohlensäure anbot. Ab 1895 wurde das verflüssigte Gas per Bahn verschickt.

13.06.2019

Von Dunja Bernhard

In der ehemaligen Lohmühle wurde Kohlensäure für den Transport verflüssig. Das Bild ist aus den 1950er Jahren. BIlder: Edwin Straub/Kulturtankstelle

In der ehemaligen Lohmühle wurde Kohlensäure für den Transport verflüssig. Das Bild ist aus den 1950er Jahren. BIlder: Edwin Straub/Kulturtankstelle

Der Tübinger Geologe Friedrich August Quenstedt schrieb 1864 über das Neckartal bei Börstingen: „Der Rasen schwankt unter den Füße, es kocht und trommelt; Stöcke lassen sich tief hinunterstoßen, das Geräusch wird dann im Loch lebhafter und Sauerwasser steigt auf. Allein wird einem völlig unheimlich zumute, zumal in der Umgebung Scharen von toten Insekten und auch Kleintieren herumliegen.“

Kohlendioxid steigt im Schwäbischen Sauerland zwischen Rottenburg, Eyach und Bad Imnau aus dem Boden auf. Als Gas strömt es aus Mofetten, die in Starzach „Börstinger Bläser“ genannt werden. Gelöst in Wasser, tritt das Kohlendioxid als sprudelnde Quelle aus.

Die Eisenbahnstrecke im Neckartal war ein entscheidender Faktor, dass sich die Kohlensäureindustrie mit Abnehmern im ganzen Land entwickeln konnte.

Während die benachbarten Orte Bad Niedernau, Obernau und Bad Imnau kohlensäurehaltiges Mineralwasser vermarkteten, konzentrierte sich die Industrie in Börstingen zunächst auf das Kohlendioxid als Industriegas. Es wurde unter anderem als Narkosemittel eingesetzt. Kohlendioxid findet Verwendung in Feuerlöschern, Wasseraufbereitungsanlagen, der Schädlingsbekämpfung und in der Lebensmittelindustrie, um verpackte Produkte haltbarer zu machen.

Investor aus Hannover

Dem Hannoveraner Wilhelm Carl Raydt war es 1879 gelungen, Kohlendioxid mithilfe eines Kompressors zu verdichten und so erstmals flüssige Kohlensäure fabrikmäßig herzustellen. 1894 wurde der Chemiker und Gymnasiallehrer auf die Kohlesäurequellen im Neckartal aufmerksam. Er kaufte ein Stück Land sowie die abgebrannte Lohmühle, die zwischen Börstingen und dem Eyacher Bahnhof lag.

1895 gründete Wilhelm Carl Raydt die „Kohlensäure-Industrie Dr. Raydt“. Im ersten Jahr wurden 179 Liter flüssige Kohlensäure mithilfe vom Wasserkraft produziert. Drei Jahre später erweitere Wilhelm Carl Raydt das Werk Lohmühle. Er gründete Zweigniederlassungen in Berlin, Wien und Zürich. Der jährliche Absatz stieg auf 1000 Liter. 26000 Stahlflaschen waren im Umlauf. Raydt schloss mit 16 Brauerein im Stuttgarter Raum Lieferverträge ab.

Raydt war auch der Begründer der Eyach Sprudel AG. Das Mineralwasser wurde als das „idealste Tafelwasser der Welt“ angepriesen. Das Gebäude steht noch heute westlich des Bahnhofs auf Eutinger Gemarkung und beheimatet ein Mehrgenerationenprojekt.

Der Kohlensäure-Reichtum zog weitere Unternehmer ins Neckartal. Rudolf Buse aus dem Rheinland gründete unmittelbar neben der Lohmühle eine weitere Kohlensäurefabrik, die statt mit Wasser mit Dampf verdichtete. In Bieringen und Obernau siedelten sich weitere Unternehmen an.

In den 1950er Jahren wurde in der Fabrik auch Trockeneis hergestellt. BIlder: Edwin Straub/Kulturtankstelle

In den 1950er Jahren wurde in der Fabrik auch Trockeneis hergestellt. BIlder: Edwin Straub/Kulturtankstelle

Schon 1900 entbrannte ein „Kohlensäure-Krieg“, in dem die Konkurrenten sich gegenseitig die Löcher zuschütteten und auch vor Waffengebrauch nicht zurückschreckten. Die Industriellen gruben sich durch immer mehr Bohrlöcher gegenseitig das Gas ab.

1904 schlossen sich die Firmen von Raydt und Buse zur Eyacher Kohlensäure-Industrie zusammen. Im Ersten Weltkrieg wurde das Unternehmen zum kriegswichtigen Betrieb ernannt. Den Zweiten Weltkrieg überstanden die Werkhallen unbeschadet. Das Stuttgarter Hauptbüro wurde in das Börstinger „Lamm“ verlegt, um den
Fliegerangriffen auf Stuttgart zu entgehen.

Bohrungen gingen immer tiefer

Die Kohlendioxid-Förderung und -vermarktung wurde beständig weiterentwickelt. Das Gas gelangte durch bis zu 1,2 Kilometer lange Rohre zum Werk Lohmühle. Die verflüssige Kohlensäure wurde in einer Hochdruckleitung zur Bahnstation transportiert und dort in Versandflaschen oder Tankwagen abgefüllt.

In den 1960er Jahren trieben die Arbeiter die Bohrungen immer tiefer in den Buntsandstein. Die Eyacher Kohlensäure-Industrie hieß mittlerweile Agefko. In drei Schichten und sieben Tage die Woche wurde Kohlensäure gefördert, komprimiert und mit der Bahn versandt. 115 Menschen waren in den 1970er-Jahren zwischen Börstingen und Eyacher Bahnhof beschäftigt. Das Kohlensäurewerk war Starzachs größter Arbeitgeber.

1987 übernahm das französische Unternehmen Air Liquide die Agefko. Die natürlichen Kohlensäurequellen waren in dieser Zeit schon erschöpft. Eine letzte Bohrung sollte bis in eine Tiefe von 1000 Metern vorstoßen. Sie wurde jedoch nie ausgeführt. Schwindende Ergiebigkeit, fallende Preise und höhere Umweltauflagen führten dazu, dass die Kohlensäureförderung im Neckartal Mitte der 1990er-Jahre aufgegeben wurde.

Relikte der Kohlensäure-Blütezeit stehen bis heute – etwa das Abfüllhaus am Eyacher Bahnhof, eine alte Industrielaterne und ein verlassener Kohlensäuremailer.


Eine interaktive Karte mit allen Zeitreise-Stationen gibt es unter zeitreise.tagblatt.de.

Zum Dossier: Zeitreise · Starzach

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Erstellt:
13.06.2019, 01:00 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 56sec
zuletzt aktualisiert: 13.06.2019, 01:00 Uhr

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