Sehr genau hinhören

Gäste der Woche: Jutta Schreiber, Sylke Busch und Daniel Zips

Wie Jutta Schreiber, Sylke Busch und Daniel Zips zur Palliativmedizin kamen.

12.12.2020

Von Ulrich Janßen

Daniel Zips, Jutta Schreiber und Sylke Busch vor der Neckarfront. Bild: Klaus Franke

Wie gehen Ärzte damit um, dass ihre Patienten trotz aller ärztlichen Kunst auch sterben können? Das ist eigentlich eine der wichtigeren Fragen für jede Medizinerin und jeden Mediziner. Doch in der Ausbildung lernten das weder Jutta Schreiber, Oberärztin in der Palliativstation des Tübinger Uniklinikums, noch Stationsärztin Sylke Busch und Prof. Daniel Zips, der Ärztliche Direktor der Radioonkologischen Klinik und Sprecher des CCCT, des Tumorzentrums Tübingen-Stuttgart.

Bis in die 90er Jahre, versichern die drei übereinstimmend, sei die Palliativmedizin im Studium praktisch nicht vorgekommen. „Nicht heilen können, das gab es bei uns nicht“, sagt Schreiber. Laut Zips herrschte damals die Überzeugung: „Wenn der Krebs zum Tode führt, haben wir den Kampf verloren.“ Der Tumor galt als Feind, der besiegt werden muss, um jeden Preis. Ein „Kampfdenken“, das sich hartnäckig hielt.

Dass sich dennoch allmählich ein anderes Bewusstsein verbreitete, ist einer britischen Krankenschwester, Ärztin und Sozialarbeiterin zu verdanken. Cicely Saunders gilt als Pionierin der Palliativ-Bewegung, sie gründete das erste Hospiz und zeigte, wie man Schwerkranken mit Hilfe von schon geringen Dosen Morphium die schlimmsten Schmerzen nehmen kann. Heute ist die Palliativmedizin fester Bestandteil des Medizinstudiums, in Tübingen müssen alle angehenden Ärzt/innen ein Seminar besuchen und lernen dabei auch Patienten der Palliativ-Station kennen.

Die Station, die 2018 gegründet wurde, ist eines der Projekte der diesjährigen TAGBLATT-Weihnachtsspendenaktion. Neun Betten sind in der Palliativstation dauerhaft für all jene Patienten reserviert, die nach Einschätzung der Ärzte nicht mehr vollständig von einer lebensbedrohlichen Krankheit geheilt werden können. Bei ihnen steht nicht mehr die Heilung im Mittelpunkt, sondern es geht um Lebensqualität. Individuell wird abgewogen, wie viele Nebenwirkungen ein Patient für ein möglicherweise nur etwas längeres Leben in Kauf nehmen will. Die Entscheidung darüber trifft der Patient. „Wir fragen immer“, sagt Busch, „was er noch für Ziele hat.“ Es sei manchmal gar nicht so einfach, die Ziele herauszufinden, schließlich gingen die Patienten während ihrer Erkrankungen durch viele verschiedene Phasen. „Da müssen wir schon sehr genau hinhören.“

Dass Patienten auf der Palliativstation auch sterben können, verschweigen die drei Mediziner nicht. Alle drei betonen aber auch den Unterschied zu einem Hospiz (wie es derzeit beim Paul Lechler Krankenhaus entsteht). Das Ziel der Palliativmediziner sei es, die Patienten so weit zu stabilisieren, dass sie die Klinik verlassen und die verbleibende Zeit mit einer guten Lebensqualität daheim oder an einem anderen Ort verbringen können. Ohne Schmerzen, Luftnot, Übelkeit oder dauerhafte Angst. Das gelingt in immerhin 80 Prozent der Fälle.

Warum wurde Sylke Busch Palliativärztin? „Bei mir kamen Neigung und Gelegenheit zusammen“, sagt sie. Schon früh interessierte sich die Internistin für Psychoonkologie und half beim Aufbau einer Palliativstation am Stuttgarter Katharinenhospital. Seit Mai ist sie jetzt in der Tübinger Station und findet ihre Arbeit „nach wie vor sehr spannend“. Der „ganzheitliche Ansatz“ ist es, der ihr an der Palliativmedizin besonders gefällt, und die Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Dass sich Ärzte aus verschiedenen Fachrichtungen gemeinsam über die beste Therapie für eine/n Patienten/in verständigen, ist inzwischen Standard in der Krebstherapie, doch in der Palliativmedizin sei diese interdisziplinäre Kooperation noch ein bisschen intensiver, meint Zips. Das Besondere sei hier, dass auch Pfleger/innen, Ernährungsberater/innen und Seelsorger/innen in die Besprechungen einbezogen werden und dass selbst die Einschätzung des Musiktherapeuten ernstgenommen wird. „Die Pfleger verbringen schließlich mehr Zeit mit den Patienten als die Ärzte“, sagt der Radioonkologe. Das „multiprofessionelle Arbeiten“ und der regelmäßige Austausch zwischen allen Beteiligten ist auch das, was Jutta Schreiber an der Arbeit gefällt. Die Oberärztin kam über die Innere Medizin und einige biografische Zufälle zur Palliativmedizin. „Unsere Arbeit hier hat viel mehr Facetten“, findet sie.

Leicht ist die Arbeit mit Schwerstkranken nicht. Täglich werden die Mediziner mit großem körperlichem und seelischem Leid konfrontiert. Ohne Supervision geht das nicht. Trotzdem erleben alle drei auch immer wieder schöne Momente. Intensive Gespräche mit Patienten und auch Angehörigen, die dankbar sind, weil ihnen geholfen werden konnte.

Die große Herausforderung bei der Betreuung von Schwerstkranken sei es, sagt Busch, „empathisch zu sein, ohne in Sympathie oder Zynismus zu verfallen“. Als Ärztin müsse sie ihre Patienten „einfühlsam wahrnehmen“, und trotzdem professionell mit der Situation umgehen.

Zur Arbeit gehört es auch, schlechte Nachrichten zu überbringen. Als Radioonkologe ist Daniel Zips das gewohnt, es ist Teil seines Jobs. Wo lernt man, die richtigen Worte zu finden? Zips halfen persönliche Vorbilder, die eigene Lebenserfahrung und: dass er sich fachlich sicher fühlt. „Vor allem jüngere Ärzte tun sich schwer mit solchen Gesprächen“, stellte er fest. Es gelte allerdings auch: „Ein Grundinventar an Kommunikationsfähigkeit sollte man als Arzt mitbringen.“

Gemeinsam mit den beiden Ärztinnen wirbt Zips jetzt um Spenden für die Palliativstation. Zwar wird die medizinische Behandlung von den Kassen übernommen. Doch für viele wichtige Extras fehlt das Geld, für Kunst- und Musiktherapie etwa, aber auch für etwas so Selbstverständliches wie einen Balkon. Ein Balkon öffnet neue Aussichten, dort können die Patienten Luft schnappen und kommen kurz mal raus. Und das ist ja das große Ziel der Palliativmedizin: Die Patienten wieder rauszubekommen aus der Station, sie einigermaßen gestärkt ins Leben zu entlassen.

Prof. Daniel Zips

1970 geboren in Dippoldiswalde

1989 Abitur, Dresden

1991-1997 Studium der Humanmedizin Charité, Berlin,

1997-1999 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Uniklinikum Dresden

1999-2004 Arzt im Praktikum

2003 Research Fellow, Cancer Genetics, Houston,

2006 Habilitation, Uniklinik Dresden

2006 Forschungsgruppenleiter für experimentelle Strahlentherapie

2010 Stv. Klinikdirektor Strahlentherapie, Uniklinikum Dresden

seit 2012 Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Radioonkologie Tübingen

seit 2013 Sprecher des CCC Tübingen

Daniel Zips ist verheiratet

Dr. med Jutta Schreiber

1972 geboren in Mainz

1991 Abitur in Wiesbaden

1991 - 98 Medizinstudium in Mainz

1997 University of Florida

1999 Promotion in Mainz

1998 - 2005 Assistenzärztin in Mainz

2005 - 06 Medical Affairs Physician bei Altana Pharma

2006 - 08 Medical Affairs Physician bei Merck

2008 - 09 Medical Leader, Merck

2010 Senior Medical Director bei ImClone Systems, Heidelberg

2010 - 2014 Assistenzärztin am Klinikum Darmstadt

2015-2020 Ärztin am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen

seit 2020 Oberärztin an der Palliativstation und Universitätsklinik für Radioonkologie Tübingen

Dr. med Sylke Busch

1971 geboren in Gießen

1990 Abitur in Frankfurt

1990 Freiwilliges soziales Jahr am Paul-Lechler-Krankenhaus

1994 Abschluss der Ausbildung zur Krankenschwester

2000 Abschluss Medizinstudium in Marburg

2002 Arztin im Praktikum am Klinikum Stuttgart

2004 Ärztin in der Hämatologie-Onkologie, Klinikum Stuttgart

2012 Fachärztin für Innere Medizin

seit 2018 Funktionsoberärztin Palliativmedizinischer Konsiliardienst, Stuttgart

seit 2020 Fachärztin auf der Palliativstation, Uniklinikum Tübingen

Sylke Busch ist verheiratet und hat ein Kind

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Erstellt:
12. Dezember 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Dezember 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2020, 01:00 Uhr

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