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Palliativstation: Überleben, wenigstens bis Ende Mai

Neun Betten hat die Palliativstation am Uniklinikum. Wer dort liegt, ist unheilbar krank. Eine Patientin erzählt, wie ihr geholfen wird und was sie sich unbedingt noch wünscht.

02.12.2020

Von Lisa Maria Sporrer

Für die Patienten auf der Palliativstation geht es um Lebensqualität, sagt Daniel Zips, Facharzt für Strahlentherapie und Ärztlicher Direktor der Radioonkologie. Bei einer seiner Patientinnen aber gehe es auch um Zeit. „Sie hat eine starke Motivation“, aber das solle sie selber erzählen. Wenn sie denn wolle.

Hinter einer der Türen im zweiten Stock des Uniklinikums sitzt eine fröhliche Frau mit traurigen Augen im Bett. Als warte sie mit gepackten Koffern darauf, dass endlich ihre Familie kommt, um sie abzuholen; wohlwissend, dass das nicht passieren wird. „Ich finde selber, dass ich tapfer bin“, sagt sie und kommt dann gleich zum Thema, ihrem großen Ziel: den 20. Mai. Der errechnete Geburtstermin ihres ersten Enkels. „Ich muss mich anstrengen, damit ich am Ende meiner Tage mein Enkelkind noch in den Armen halten kann“, sagt sie. Das sei ihr größter Wunsch und vielleicht ja auch nur ein Etappenziel.

Die Krankheitsgeschichte von Marlen, 57 (eigentlich heißt sie anders), beginnt im Frühjahr 2016, nach einer Vorsorgeuntersuchung, einer Mammografie. Kurz nachdem für sie ein neues Leben anfing. „Nach 25 Jahren Ehe und drei wunderbaren Kindern habe ich 2015 die Scheidung eingereicht.“ Sie krempelte ihr Leben komplett um, verliebte sich neu, buchte Kreuzfahrten und Städtereisen. Marlen war glücklich. Diese Einstellung überdauerte auch ihre Brustkrebsdiagnose und die Chemotherapie. „2016 war zwar ein schlimmes Jahr. Aber ich habe das rumgebracht und konnte erhobenen Hauptes darauf zurückblicken“, sagt sie. Bis Oktober 2019 hielt das Glücksgefühl. Da ertastete sie im Urlaub einen Knoten in ihrer Brust. Die Chemotherapien halfen nicht gegen den erneut ausgebrochenen Krebs. Jedes Mal wurde die Diagnose schlimmer. Bei einer der ersten Metastasen, die man ihr noch herausoperierte, fiel den Ärzten auf, dass der Tumortyp nicht zum Brustkrebs passte. Die Wucherungen in ihrer Lunge hatten nichts mit ihrer Brust zu tun. Unentdeckt breitete sich dort bereits ein anderer, ein weiterer Tumor aus.

In dem kleinen Mehrzweckraum auf der Palliativstation haben Ärzte, Pfleger und Therapeuten um einen niedrigen Tisch Platz genommen, auf dem eine Schale mit Steinen steht. Große, wie vom Wasser geschliffene Kiesel. Solche, die man in Flüssen findet. Jeder davon sieht anders aus. Wenn auf der Station ein Patient stirbt, wird sein Name auf einen dieser Gedächtnissteine geschrieben.

Auch dazu versammelt sich das gesamte Team in dem Mehrzweckraum. Sie sprechen dann über den Patienten, wie es ihm ging und auch, wie er starb. Einmal im Jahr wird der Menschen, deren Namen auf den Steinen stehen, mit einer Feier gedacht. Die Steine werden den Angehörigen übergeben. Einige legen sie wieder in einen Fluss.

„Eine Palliativstation ist keine Sterbestation“, sagt Zips. Die Krankheit schreite bei den meisten Patienten unaufhörlich voran. Und genau deshalb stehe die Heilung nicht im Vordergrund. „Hier geht es nicht mehr um den Ehrgeiz, noch eine Therapie anzusetzen, und noch etwas Neues tun zu müssen, um die Patienten mit allen Mitteln zu retten“, sagt der Psychoonkologe Martin Göth, der mit den Patienten viel über ihre Ängste redet. Das unterscheide die Palliativstation von anderen Stationen, sagt der Psychologe. „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“ – das ist das Motto der Palliativstation der Radioonkologie.

Die Patienten dort haben oft mehrere Symptomkomplexe, sagt Oberärztin Jutta Schreiber: Übelkeit, Luftnot, Wunden, Bauch- oder Lungenwasser. „Oft ist das eine komplexe Krankheitssituation, die eine komplexe Behandlung erfordert.“ Schmerztherapie, Kunsttherapie, Ernährungstherapie und Musiktherapie nennt Stationsärztin Sylke Busch als nur einige der rund 20 Behandlungsoptionen. Einige davon, wie die Musik- und die Kunsttherapie, müssten allerdings über Spenden finanziert werden. Auch für einen Balkon braucht es Spenden, der neben dem Mehrzweckraum angebaut werden soll. Damit die Patienten mal raus können.

„Manchmal reicht es eben nicht, Menschen nur im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung zu sehen“, sagt Zips. Palliativstationen haben andere Herangehensweisen. Das weiß auch Aika Heinzelmann, Bereichsleiterin der Pflege: „Es gibt spezielle Qualifikationen für Palliativstationen. Nicht jeder kommt mit der Situation hier zurecht.“

Auch Marlen weiß, dass ihre Symptome nur gemildert werden können, dass palliativ gleichbedeutend ist mit unheilbar krank. Aber nicht gleichbedeutend mit sterben. Jedenfalls nicht immer sofort. Sie habe riesige Todesangst, sagt sie, während sie schwer atmend nach Luft ringt. „Manchmal verbrauche ich eine halbe Packung Kleenex, bevor ich mich ausgeweint habe. Und dann sage ich zu mir: Marlen, jetzt gehe ich es wieder an!“ Sie sei zwar weder gläubig, noch glaube sie an Wunder. „Aber man hört ja immer wieder so Geschichten aus dem Bekanntenkreis, etwa, dass einer mit Bauchspeicheldrüsenkrebs noch sechs Jahre leben konnte.“ Zips, der bisher still neben dem Bett von Marlen gesessen hatte, sagt: „Aber wir müssen uns realistische Ziele setzen, damit die Realität uns nicht einholt.“

Vor einer Woche ist Marlen auf die Palliativstation des Uniklinikums gekommen. Sie konnte ihren linken Arm nicht mehr bewegen. „Das Ergebnis war niederschmetternd.“ Die zahlreichen Metastasen, die sich innerhalb weniger Wochen in ihrem Körper ausgebreitet hatten, hatten ihren Kopf erreicht. „Es glaubt mir fast keiner, dass ich so krank bin“, sagt Marlen, die bis auf ihren Arm, den sie halten muss, wie eine fast gesunde, leicht hustende, vielleicht etwas müde Frau wirkt. Aber ihr Brustkrebs, ein dreifach negatives Mammakarzinom, ist eine aggressive Tumorart.

Bei der Musiktherapie, erzählt sie, könne sie das vergessen. „Das Instrument hat mich berieselt, und die Stimme der Dame hat mich so beruhigt.“ Da könne sie die Augen schließen und an etwas Schönes denken, an ihre Kinder etwa oder an ihren Lebenspartner. Zuhause, dort, wo sie bald wieder hin will, gibt es bereits eine Warteliste für Klinik-Besuche bei ihr. Ihre Kinder haben sich eingetragen, ihr Partner, zahlreiche Freunde.

„Es ist schwierig, ein solches Schicksal anzunehmen“, sagt Marlen. Aber trotz allem wolle sie den Spaß am Leben nicht verlieren, nicht den ganzen Tag nur über Krankheit und Tod sprechen. „Man wird bescheiden, man will einfach nur noch leben.“ Auf jeden Fall bis zum 20. Mai.

Nicht nur die Palliativstation ist auf Hilfe angewiesen

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Erstellt:
2. Dezember 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Dezember 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Dezember 2020, 01:00 Uhr

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