Tübingen · „Übrigens“

Von Tübingen nach Aachen, zurück und dann nach Ulm

Lisa Maria Sporrer nutzt die Schnelltests beim Arztmobil.

28.11.2020

Von lms

Am schlimmsten war die Zeit am Telefon. Ein kleiner Bildschirm, den man vor ihm befestigt hatte. Ich wusste nicht, ob mich mein Vater versteht, wahrnimmt, erkennt. Also habe ich gesungen, damit er meine Stimme hört. Jede Woche eine Stunde lang. Länger durfte ich mit ihm nicht telefonieren. Beim ersten Lockdown waren die Heime dicht. Es war schon eine Besonderheit, dass einige Einrichtungen Videotelefonie eingerichtet hatten. Schnelltests gab es noch keine. Wirkliche Sicherheitskonzepte auch nicht.

Bei einem der aktuellen Weihnachtsspendenprojekte muss ich oft daran denken: den Schnelltests. Sie mögen nicht hundertprozentig sicher sein und natürlich stellen sie nur eine Momentaufnahme dar. Aber das ist besser als nichts. Wenn ich bei meinem Vater am Bett sitze, reicht er mir die Hand. Lachen kann er nicht, reden und fast alles andere, wie Menschen sonst kommunizieren, auch nicht. Aber er versteht mich. Unser Reden funktioniert über Nähe. Immer öfter beginnt er dann zu reagieren. Neulich hat er genickt. Einmal hat er mir den Kopf gestreichelt.

Jetzt, wo Besuche wieder möglich sind, darf ich ihn nicht anfassen. Die Maske abnehmen auch nicht. Außerdem: zwei Meter Abstand. Wenn er mir die Hand entgegenstreckt, nehme ich sie trotzdem. Weil ich weiß, dass er das braucht. Auch die Maske nehme ich ab an seinem Bett. Ohne einen Corona-Schnelltest vorher würde ich mich das nicht trauen.

Die Besuche bei meinem Vater sind mir mehr als wichtig. Deshalb fahre ich, so oft es geht, hin. Auch nach Ulm fahre ich, so oft ich nur kann. Auch dort wohnt Verwandtschaft. Die Oma meines Sohnes etwa, und die ist sehr krank. Sie würde eine Corona-Infektion vermutlich nur mit sehr viel Glück überleben. Deshalb lasse ich mich oft auch testen, bevor ich nach Ulm fahre.

Eigentlich sollten Testkonzepte eine staatliche Aufgabe sein. Aber das Pflegeheim meines Vaters in Aachen, Nordrhein-Westfalen, hat noch keine Schnelltests bekommen. Ab kommender Woche soll es dort welche geben – aber nur für Besucher, die mehrmals die Woche kommen. Das schaffe ich nicht. Auch mein Hausarzt in Ulm bietet keine Schnelltests an. Ohnehin sind die Testmöglichkeiten in anderen Städten nicht vergleichbar mit denen in Tübingen.

Einmal, bevor ich zu meinem Vater gefahren bin, habe ich mich bei Cegat testen lassen. Das Ergebnis war am nächsten Tag da. Aber die PCR-Tests sind teuer. Zu teuer, um sie mehrmals im Monat zu machen. Das Spendenprojekt bietet mir nun die Möglichkeit, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mir am liebsten sind - ohne die Angst als ständigen Begleiter, sie womöglich anzustecken.

Ob es ein soziales Projekt ist, darüber lässt sich streiten. Dass es jetzt, wo weltweit Schnelltests verfügbar sind, sinnvoll und auch einzigartig ist, wird aber niemand in Abrede stellen. Jeder kann für sich entscheiden, ob es zu einem sozialen Projekt werden wird, in dem einige, die sich testen lassen, für jene mitspenden, die nicht genug Geld haben, sich solche Schnelltests beim Arzt zu leisten. Für Jugendliche, die vielleicht auch Angehörige in einem Pflegeheim haben oder für Kinder, die ihre Großeltern nicht gefährden wollen.

Ausgerechnet für Tübingen, den Ausgangspunkt meiner Besuche, brauche ich das Testangebot nicht. Aber nur hier bekomme ich durch die einzigartige Teststrategie Sicherheit für meine Familie. Es ist toll in einer Stadt zu leben, in der durch bürgerschaftliches Engagement so etwas ermöglicht wird.

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Erstellt:
28. November 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
28. November 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. November 2020, 01:00 Uhr

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